selbstportrait I . 50x50 . 2003
selbstportrait I . 50×50 . 2003

BIOGRAPHIE peter raneburger

geboren 1967 in Zell/Ziller . lebt in Matrei/O. | Mitglied der Tiroler Künstlerschaft | Mitglied des Kärntner Kunstvereines | 1999-2005 Studium der Philosophie | 2009 Doktorat Philosophie

 

AUSSTELLUNGEN . PROJEKTE . PREISE . VORTRÄGE (Auszug)

| 2020 | Homo erectus, Galerie Im Vektor, Hall in Tirol | dove of peace, Gedenktafel Pfarrkirche St. Jakob/D. | 2019 | Homo erectus, Favela Salon, Klagenfurt | jesi, Glocke Jesuitenkirche, Innsbruck | ratio, Buch | Fair for Art, Wien | Galerie Zeitkunst, Kitzbühel | WIKAM, Wien | 2018 | halo, Galerie artdepot, Innsbruck | art austria, Wien | Anerkennungspreis Wettbewerb Brunnen Hauptplatz Villach, mit ABERJUNG | Anerkennungspreis Wettbewerb BUS:HALT, Land Kärnten, mit ABERJUNG | 2017 | Art Bodensee, Dornbirn | 2016 | exchange version II, Kulturbackstube, Innsbruck | ratio, Galerie Eboran, Salzburg | Galerie Unterlechner, Schwaz | art austria, Wien | art innsbruck, Innsbruck | 2015 | obsessive, Galerie Zeitkunst, Kitzbühel | 2014 | Winterreigen, Galerie Schmidt, Reith i.A. | ob-do, Kunst am Bau, Kitzbühel | gondola, Kunst am Bau, Arnoldstein | 9971, Galerie artdepot, Innsbruck | …auf Papier, Galerie Gaudens Pedit, Lienz | Wettbewerb Kunst am Bau Aufbahrungshalle Arnoldstein, 1. Preis | 2013 | Humans, Künstlerhaus Klagenfurt | Humans, Galerie Prisma, Bozen (I) | guests, Kunst am Bau, Kirchberg | 2012 | Ändere dich, Situation!, Galerie der Stadt Schwaz | lifeline II, Kunst am Bau, Kundl | 2011 | DolomitenDomino 1, Galerie Gaudens Pedit, Lienz, mit Eder / Hedwig / Niedertscheider / Ruprechter / Salcher / Wibmer | in the neighborhood, Seh:Bühne, Klagenfurt | Klangmobil Drava, von Toblach (I) bis Osijek (HR), mit Baur / Huber / Zechberger / Zimmermann, Lesungen | Shopping Welt, Stadtgalerie Schwaz, mit Miriam Raneburger | it´s painful to see your own BONES, RLB-Kunstbrücke, Lienz | 2010 | Christoph Zanon Literaturpreis 2010, 2. Preis | Form & Energie, Architektur in_aus Österreich, Ringturm, Wien | wohnraum alpen, kunstMeran, Meran, I, mit SQUID | new wave, ArchFilm Matinee, Filmcasino, Wien, mit SQUID, film | turn on, Architektur Festival, Wien, mit SQUID, Vortrag | 2009 | architektur in progress, Wien, mit SQUID, Vortrag | Internat. Architekturkonferenz, budapest is not vienna, Budapest, H, mit SQUID, Vortrag | 2008 | Bauherrenpreis 2008, Projekt s u n, Matrei / O., mit SQUID | best architects 09, Auszeichnung, Projekt SOLO, Lienz, mit SQUID | don´t talk about flowers, Gallery nineninezerozero, Lienz | Wettbewerb Leuchttürme am Millstätter See, 2. Preis, mit Leitner | 2007 | fine.impacts, Kunst am Bau, Schwaz | art in the city, Gallery nineninezerozero, Lienz | Wettbewerb Kunst am Bau nht Schwaz, 1. Preis | Tirol.2006, Künstlerhaus Büchsenhausen, Innsbruck | „mors“, Buch, mit Christian Thanhäuser, mit Texten von Franzobel, Slavko Grum und Johannes von Tepl | 2006 | „mors“, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck | „gefangene seelen / gefüllte schwänze“, Deutschvilla, Strobl am Wolfgangsee, mit Paul Renner | ROTO, Kunstprojekt Umfahrung Strengen, mit Gundolf Leitner | Wettbewerb Wasserkunstwerk, Schwaz, 2.Preis | VIENNAFAIR 06, Galerie Hummel, Wien | 2005 | Wettbewerb Kunstprojekt ASFINAG Umfahrung Strengen, 1.Preis, mit Gundolf Leitner | 6 positionen, Matrei / O., mit Rainer Bodenwinkler / Christian Ganzer / Fritz Ruprechter / Maria Vill / Margreth Wibmer | Kunstraum Palais Porcia, Wien | Entgegnungen, Künstlerhaus, Klagenfurt | 2004 | jeder.selbst, Künstlerhaus, Klagenfurt | Floral, Kunstpavillon, Innsbruck | VII. Kongress der Österr. Gesellschaft für Philosophie, Salzburg, Vortrag, mit Niko Janovsky / Joseph Wang | 2003 | Flottmann-Halle, Herne, D | Salon de Revin, Frankreich | Museum Schloss Bruck, Lienz | Kunstpreis Museumstrasse, Preis der Bank Austria CA | KUNST im GANG, Innsbruck | 2002 | future code, Kunst am Bau, Matrei / O. | Grafinnova, Vaasa, FIN | VIA-Mythos Berg, Villach | Flottmann-Halle, Herne, D | Freistil, Kunstpavillon, Innsbruck | Galerie im Traklhaus, Salzburg | „Tagebuch III / kranke köpfe“, Buch | Margret-Bilger-Galerie, Schlierbach | 2001 | Flottmann-Halle, Herne, D | Ursulinenkirche – Krypta, Linz | NENIO, Kunstprojekt GWO / Bruneck, mit Gundolf Leitner | Künstlerhaus, Klagenfurt, mit Michael Kos | 2000 | Laboratorio 2, Udine, I | Stadtmuseum, Oldenburg, D | „Tagebuch II / Heiligenbilder“, Buch | Galerie Eboran, Salzburg | coming out, Künstlerhaus, Klagenfurt | -wenn die liebe spricht-, V8-Film | -neutral face-, Kunst am Bau, Lienz | 1999 | Zeitenwende.Zeitenende, Stift Wilten, Innsbruck | Tirol.99, UNI-Ibk / Kunstgeschichte | Internat. Zeichnungsbiennale, Nationalgalerie Delta, Arad, Rumänien | Wettbewerb Kunstprojekt LKH Laas, 3.Preis | Stadtturmgalerie, Innsbruck | 1998 | „Tagebuch I / eine Dreierbeziehung“, Buch | Kunstforum, Klagenfurt | (sundaychilds) -SIX-, S8-Film | Wettbewerb Kunstprojekt GWO / Bruneck, 1.Preis, mit Gundolf Leitner | Förderungspreis für Bildende Kunst der Bau Holding 1998 Kunstforum, Klagenfurt | 1997 | Galerie Inge Freund, Klagenfurt | 1996 | „ES II“, Buch | Städt. Galerie, Lienz | „Leere füllt / voll in die Leere“, Buch, mit Paul Renner | Projekt –Nikolauskirche / Matrei-, Matrei / O. mit Paul Renner | 1995 | Vacanz 95, Schwarzenberg, mit Paul Renner / Johannes Gachnang / Inge und Oswald Wiener / Dieter Roth / Gottfried Bechtold / Valie Export / Franzobel | 1994 | Soiree Brut, Schwarzenberg mit Paul Renner / Johannes Gachnang / Fritz Grohs / Wild cats | „Soiree Brut“, Buch, mit Paul Renner / Johannes Gachnang / Fritz Grohs / Wild cats | Projekt -Wagner-, Matrei / O. | Rathausgalerie, St. Veit / Glan | Galerie Renu, Silz, mit Veronika Neubauer / Michael Hedwig | Kunstpavillon, Innsbruck | 1993 | Galerie Slama, Klagenfurt | Projekt -Kreuz-, Matrei / O. | Förderungspreis für Bildende Kunst des Landes Kärnten 1993 | Galerie Dengel, Reutte | Galerie Maier, Innsbruck | 1991 | Museumsgalerie, Tarrenz | Galerie im Andechshof, Innsbruck | Galerie Gym, Landeck | 1990 | Inngalerie Kufstein |1989| Galerie Alte Kelter, Stuttgart | Auferstehungskirche, Neurum / Innsbruck | Städt. Galerie, Lienz

 

 

 

 

HOMO ERECTUS . Galerie Im Vektor . Burg Hasegg . Hall in Tirol . 07-08-020

Dr. Eleonora Bliem-Scolari

 

Die Motivation

Inwieweit entspricht es grundsätzlich dem Naturell des Menschen, sich mit seinem Dasein, seiner existenziellen Präsenz auf Erden, seinem Leben in der Gemeinschaft sinnsuchend auseinanderzusetzen bis zu dem Punkt, jene gewachsenen Strukturen in Frage zu stellen? Vermutlich ist dabei die Herausforderung Neues zu entdecken die eigentliche Essenz jeder weiteren Erkenntnis.

Das Konventionelle, das sich aus tradierten Gewohnheiten aufbauende und sprichwörtliche Beiwerk des Alltags vermag nicht in dem Ausmaß die interessierte Aufmerksamkeit anzuziehen, wie das offensichtlich Unerwartete es in unserem Bewusstsein ermöglichen kann. Das unerwartete Ereignis, das als nicht vertrautes Abbild ins Augenmerk rückt oder in wenig zwanglosen Begegnungsprozessen unser Denkverhalten beeinflusst und dabei durchaus irritieren kann, beschäftigt uns unabsehbar in unserem reaktiven und auch individuell bestimmbaren Verhalten. Die Hintergründigkeit und vielleicht auch das daraus resultierende Befremdende des Anblicks oder der Empfindsamkeit, die sich daraus generiert, kann einerseits die neugierige Annäherung an die Thematik unterstützen, aber andererseits auch eine fast instinktiv gewachsene Abwehrreaktion einleiten — allemal Erfahrungen, die den Entwicklungsprozess des Lebens mitbestimmen.

 

Die Idee

Mit steter Konsequenz gelingt es dem Maler, Projektkünstler und Philosophen Peter Raneburger (geb. 1967) reizfordernde bis irritierende Themenbereiche des Alltäglichen aufzugreifen und sie beinahe analytisch in deren Grundsätzlichkeit zu zerlegen. Die so neu definierten Bildmodule werden von ihm schließlich in Anbetracht seiner künstlerisch provozierenden Motivation mit erweitertem Aussagewert durchaus aktionistisch angelegt. Zu einem überwiegenden Teil bedienen evolutionstheoretische Erkenntnisse nach Darwin und deren Geist, der Mensch in seiner Geschlechtlichkeit und die damit subversiv zugeteilten Rollenmuster sowohl das förmliche wie auch theoretische Gerüst seiner Werkzyklen.

Der soziokulturelle bis anthropologische Zugang zu diesen Paradigmen erfährt dabei im Aufbrechen des vermeintlich Normierten im Bild eine weitere Körper- und mehr noch Geisterfahrung. Das vom Künstler festgelegte inhaltliche Konzept, das nicht selten die Wahrnehmungskonventionen auflösen will, fordert damit eindringlich die Reaktion der Betrachtenden ein. Denn die besagte Hintergründigkeit zu erfahren obliegt hier vorrangig dem Verständnis und natürlich dem Willen des jeweiligen Gegenübers, sich auf den Spielraum der Hinterfragung einzulassen.

 

Das Konzept

Die künstlerische Ausrichtung der Ausstellung „homo erectus“ basiert auf essentiellen Inhalten der zwei vorangegangenen Werkserien „relationship“ und „halo“. Nun weitergedacht, möchte die Präsentation mit einer weiteren Sequenz zur Selbsterkenntnis führen. Als offensiv intellektuelle Reaktion auf die Architektur vor Ort kann die historisch gewachsene Burganlage Hasegg mit deren Münzerturm aus dem späten 15. Jh. als Bindeglied zwischen Vergangenem und Präsentem aufgefasst werden. Die historisch erzählende Funktion der Architektur gilt als ausgleichende Zeitebene für die Interaktion der Bildfülle, die in diesem Rahmen auf drei Räume aufgeteilt wird.

„Myself as a hominid“ „Yourself as a hominid“

„Homo sapiens sapiens“, der moderne Mensch als höchstentwickeltes Lebewesen auf Erden und sich seines Eingebundenseins in die Zeit bewusst, verfügt in Anbetracht seiner evolutionären Verwandtschaft zur ausgestorbenen Gattung des „Homo erectus“, des bereits manuell begabten und aufrecht gehenden Menschenaffen, über eine weitere Prämisse im Sinn seiner Intelligenz, nämlich die Eigenschaft und die Fähigkeit, mit Vernunft (Ratio) zu handeln.

Die Erfahrung der Präsenz im Leben und gleichzeitig die Erkenntnis der Selbstwahrnehmung verbinden jedoch beide Entwicklungsstufen, nämlich die des Menschen und die der gegenwärtigen Hominiden, der Menschenaffen: das Erkennen des Ichs im eigenen Spiegelbild. Das Verständnis darum obliegt jedoch alleinig beim Menschen — eben in der Erkenntnis um seine Wiederfindung. Die Diskrepanz der Höchstentwicklung mit deren zynisch anmutenden Fähigkeit zur gezielten Selbstzerstörung zählt für Peter Raneburger zu einem der signifikanten Themenbereiche der Menschreflexion. Mit der eigenständigen Auseinandersetzung mit Raneburgers Bildelementen gelingt der Grazer Film- und Projektkünstlergruppe OchoReSotto ein weiteres spannendes Moment der Aufschlüsselung des konzeptuellen Ursprungsgedankens. Eine analog arrangierte Licht- und Videoinstallation, die außerdem mit dem Sound von Nikos Zachariadis begleitet wird, ergänzen das Projekt: Bildfelder werden zerteilt, abstrahiert und damit in einem gewissen Ausmaß vielleicht der Unsicherheit eines so aufgefassten Basiselements ausgesetzt.

 

„Heilige Corona“

In Grundüberlegungen zu Beziehungsmustern zwischen Mann und Frau, den Beziehungsverhältnissen eines Menschen zu seinem Gegenüber, können deren Differenziertheit, deren Uneinigkeit, den trotzdem stattfindenden Anziehungsbestrebungen und das Zusammenleben an sich als beinahe szenisch charakterisiert werden. Bei Peter Raneburger werden Körpererfahrungen, zugeteilte Geschlechterrollen und gesellschaftssoziale Strukturschemata wie in einem Schauspiel in der Umordnung mit einer gewissen Verfremdung auf einen Höhepunkt hingedacht, während das visuell Erfahrbare bereits interaktiv darauf reagiert hat. Das Ergebnis ist ein Urteil, das dem Vorurteil nicht immer nachsteht. Als Reaktion auf die Gegenwart und als Sinnbild der Lebenseinschränkung transformiert der Künstler das Konterfei des amerikanischen transgender Models Hari Nef als Teil seiner Werkserie zur „Heilige Corona“, eine Märtyrerin der Antike, und erlaubt damit stellvertretend zwei Seins-Berechtigungen an die Spitze der Erwartung zu positionieren: Die Heilige und das Androgyne, mehr Frau als Mann, mit der steten Absicht, in derer Vereinigung als Konstante allumfassend präsent zu sein. Das explizit Phallische wird von Peter Raneburger am Höhepunkt dieses ideellen Zugangs dem Adorationsbild provokant gegenübergestellt. 22 szenische Darstellungen der Schlaffheit, der Erektion, der Ejakulation und der Erschlaffung eines männlichen Glieds beanspruchen als sexualisierte Metapher die weitere Aufmerksamkeit auf ideologisch unterlegte und wiederholt eingefahrene Machtgefüge.

 

Die Gegenüberstellung und die gleichzeitige Demaskierung menschlicher Phänomene von ihren Ursprüngen an berühren damit als konzeptiver Teil der Ausstellung jene Bewusstseinsebenen des Menschen, die Transformationsprozesse annähernd suchen bzw. sie dann auch wagen einzugehen.

 

BANG BANG (MY BABY SHOT ME DOWN)*

SEH:BÜHNE: nicht zu verwechseln mit der ehemaligen millionenverschlingenden schwimmenden Eventplattform am Wörthersee eines rechten verstorbenen Landeshauptmannes – nein, ein kleiner feiner unprätentiöser Raum für zeitgenössische Kunst in der Innenstadt von Klagenfurt, der leider (in dem Fall wirklich) auch nicht mehr existiert.

Bang bang (my baby shot me down)

I was five, and he was six We rode on horses made of sticksHe wore black, and I wore white He would always win the fight

Peter Raneburger, konventionsverweigernder, polarisierender, gewissen-behafteter und subtilgenialer Künstler – aus Matrei in Osttirol (gelegen an der Innenseite des Alpenbogens) – hinterfragt mit der raumfüllenden Installation >IN THE NEIGHBOURHOOD< wieder einmal das Leben und die Gesellschaft mit Mitteln der Kunst. Sein geschulter und philosophischer Soziologen-Blick legt den Finger auf eine Wunde, obwohl er oft genug davor gewarnt wurde in solchen zu stochern. Leben und Kunst gehören nun mal zusammen, weiß er, und handelt danach.

Bang bang. He shot me down Bang bang. I hit the ground Bang bang. That awful sound Bang bang. My baby shot me down

Ein typisch alpenländisches Schlafzimmer, der Blick auf die Berge spielt sich von selbst ein. Ein hochwandiges Ehebett aus Fichtenholz mit unvermeidlichem Spalt zwischen den Matratzen, ein massiver Kleiderschrank mit groben bäuerlichen Schnitzereien, ein Nachtkästchen und der gerahmte obligatorische Schmerzensmann am Kopfende. „Komfortzimmer“ hat es sicher mal geheißen, im vom Tourismus geprägten Tirol. Vermeintlich ein Ort der Geborgenheit, eine Sicherheitszone, hier wurde/wird gezeugt, geboren und gestorben. Als Inbegriff der intimen Verletzlichkeit inszeniert Raneburger „ein Sittenbild“ als einen „Ort des Verbrechens“ und lässt die robusten Seifenblasen der Vergangenheit ins Heute aufsteigen. Seasons came, and changed the time When I grew up I called him mine He would always laugh and say „Remember when we used to play?“

Einschusslöcher überall, zersplittertes Holz, unverkennbar das Werk einer breitstreuenden Schrotflinte. Gesprungenes Glas, der Dornengekrönte wird getroffen und stirbt ein weiteres Mal. Die Wärme des Bettes muss in aller Eile verlassen werden und die Schüsse lassen die Daunen der Federbetten im verletzten Holz hängen bleiben. Wie Schneeflocken lassen sie sich auf den Möbeln und dem Bettzeug nieder. Die Luft ist zum Schneiden, der Atem steht still und jeder weiß, dass hier ein Verbrechen geschehen ist. Aber reden ist Silber und Schweigen manchmal immer noch Gold. Die Dunkelziffern sind schwärzer als man befürchten möchte.

Bang bang. I shot you down Bang bang. You hit the ground Bang bang. That awful sound Bang bang. I used to shoot you down

Anstelle der üblichen verblassenden Blumentapete eine mit gesammelten aktuellen Tiroler Zeitungsberichten tapezierte Wand. Licht dringt durch die Einschlusslöcher in den Raum und erhöht die Dramatik der Szenerie. Eine erstaunlich umfangreiche Dokumentation von Gewaltverbrechen der letzten Monate aus dem Jahr 2011, gemeldet aus der näheren Umgebung des Künstlers – from the neighbourhood -, füllt die Rückwand der begehbaren Installation. Die beschaulichen Täler, von Touristen landauf landab gepriesen, haben wie jeder Winkel dieser Welt seine finsteren Ecken und das bevorzugt im Privatem. Noch immer finden die meisten Verbrechen im familiäreren Umfeld statt und werden von Angehörigen, Freunden und Vertrauten begangen. Auch wenn zunehmend mehr Gewalttaten an die Öffentlichkeit dringen, die Scham und das Schweigen der Opfer (und manchmal auch der Täter) breitet sich noch immer als „Mantel des Verdrängens“ darüber aus.

Music played, and people sang Just for me the church bells rangNow he’s gone, I don’t know why And till this day sometimes I cry He didn’t even say „Goodbye“ He didn’t take the time to lie

Die Inszenierung des Ortes des Verbrechens „als mahnung dafür, dass die moral als gesellschaftsnorm meist dort endet, wo der individuelle nutzen beginnt“, schreibt Raneburger in sein Tagebuch. Wie recht er doch hat. Einmal mehr hebt er den Teppich hoch und wirft einen entlarvenden Blick hinter die Fassaden, auf die Scheinheiligkeit und Doppelmoral und auf das, was die Nachbarn nicht wissen sollen. Er spricht von Dingen die wir wissen und doch versucht sind die Augen davor zu verschließen, vor der Gewalt und der Brutalität jener „Unbekannten“ in unserer Nachbarschaft. Das Gestern, ist das Heute, ist das Morgen…die Kunst hilft uns sehen zu lernen!

ULLI STURM . Mai 2019

*          Song composed by Sonny Bono, 1966, Album >the sonny side of Cher<

 

2019 . HALO

Markus Neuwirth

„Nur ein rissiger Geist hat Öffnungen zum Jenseits“[1]

E.[mile] M. Cioran

Der Künstler führt uns an die existenziellen Grenzen und Grenzerfahrungen. Tod, Fäulnis, Leid, Verletzung, Aggression, ja selbst den Anus (flower) als Grenze des Körpers thematisiert Raneburger drängend und aufdringlich, aber auch die Preziose der Schwangerschaft und der Geburt. So sehr die christliche Bilderwelt seine Werke erfüllt, so sehr müssen wir bei seinem Umgang mit den kodifizierten oder kanonisierten Darstellungen Vorsicht walten lassen. Peter Raneburger balanciert auf einem schmalen Grat, der in den europäischen Bildtraditionen insbesondere des Religiösen verwurzelt ist und Festigkeit zu verbürgen scheint. Bewusst riskiert er den Absturz, indem er Elemente in sein visuelles Konzert einbringt, die gezielten Ruhestörungen gleichkommen. Bei den Interpretationen seiner Werke haben diese schwierigen Linien, entweder als Spuren, denen zu folgen ist, oder als Demarkation, die zu überwinden ist, Vorrang. Dort, wo religiöse Elemente mit politischen Implikationen zusammentreffen, ergeben sich gefährliche Zonen. Fatale Sprachen, fatale Bilder.

Halo – Raneburger spricht es Englisch aus – kommt als Wort aus dem Griechischen für Lichtkreis, Lichthof, im engeren Sinn auch Heiligenschein, Nimbus, Glorienschein. Ab 2017 hat er eine Serie an Gemälden unter diesem Obertitel geschaffen. Das Dargestellte und das Werk selbst werden in eine weihevolle Aura entrückt. Das starke Leuchten des Weiß zieht sich als heller Faden durch diese Arbeiten. Der Hl. Sebastian, dessen nackter, wohl gestalteter Oberkörper den Pfeilen des Martyriums ausgesetzt wird, ist seit jeher Projektionsfigur erotischer und homoerotischer Impulse. Im diesem Fall bekommt die Ikonografie die Note der männlichen, fast femininen Schönheit, die moderne und zeitgenössische Künstler*innen immer wieder animierte und herausforderte.[2] Im Werk saint sebastian (hnIV) erhält der Protagonist mit dem leicht geöffneten Mund die Facetten von Erleiden und Lust zugleich. Zur Sexualisierung trägt bei, dass bei näherem Hinsehen das Gesicht des prominenten Transgender Models Hari Nef – wie auch in den anderen Werken dieser Serie – zu erkennen ist. Das Androgyne, das die Geschlechtlichkeit großzügig und leidenschaftlich auffächert, ist auch Ausdruck der Sehnsucht nach Vollkommenheit.[3] In der europäischen Kulturgeschichte ist der Hermaphrodit zudem eine bedeutende Figur alchemistischer Prozesse auf der Suche nach dem Stein der Weisen (lapis philosophorum). Das Anpeilen des Strahlenden und des Edlen erfolgt über das bewegliche Metall Quecksilber, dessen lateinischer Name Mercurius auf die Botschafterfunktion verweist.[4] Das Androgyne ist Teil eines Weges zur Erkenntnis. Der epistemologische Anteil ist nur zu verstehen, wenn man diese Denkmuster als psychische Projektionen liest. C.G. Jung und sein Wirkungskreis haben uns – begleitet von einer problematischen Methodendiskussion – die psychologischen Reflexzonen dieser Entwicklung nahe gebracht.

Halo, die umfassende weiße Aura, die umgebende Aureole, die pulsierende Korona entrücken das dargestellte Androgyne in ein Mysterium, in den Bereich des Geheimen, das mit dem Überschreiten zum Tod die allgegenwärtige Herausforderung erhält. Leben und Ableben können zugleich verbildlicht werden. Neben dem Hl. Sebastian sind es Jesus mit dem karfreitagsakt 017 (hnII), und die pietà (hnV), in der das Gesicht des Transgender Models sowohl Christus wie Maria geliehen wird. saint mary magdalene, die sich gleichsam als weiblicher Apostel der Buße widmet, virgin of mercy, sacred heart (hnIII) und schließlich judith und holofernes (hnVII) zeigen den Generalbass von Raneburgers Interessen auf. Die Gesichter nehmen den Kontakt zu den Betrachtenden auf, und verlangen nach dem Miterleiden, nach der Compassio. Die Qualitäten und Qualifikationen des berühmten Models, das Kontakt mit der Linse des Apparats aufnimmt, justieren mit dem Einfügen in halo den Rückblick auf die überragende, mediale Bedeutung der christlichen Bilderwelt für die Kunstgeschichte.

Die Präsentation der Serie halo bewog Raneburger dazu, die Öffentlichkeit gleich mit mehreren Werkgruppen und Themen von seinen ersten vortastenden Entwicklungen bis heute zu konfrontieren. Neben den Akten und Aktskizzen,[5] die sich den nahen Körpererfahrungen widmen, markiert 1989 das farbige Bild die standhaftigkeit des stuhles bei annäherung einen Entscheidungsprozess. In den folgenden Jahrzehnten verabschiedet sich Raneburger bald von den Buntwerten, die uns die Farbpalette so reich zur Verfügung stellt. Ab den 90ern bemüht er Farbe nur mehr als pointierte Akzentsetzung. Das Bild bildet unter anderem den Auftakt eines Generalthemas, das sich durch das Œuvre zieht. Die zwischenmenschliche Beziehung, jene zwischen den Geschlechtern aber auch Beziehungslosigkeit und Aggression kommt in den Werken selbst aber vor allem im Bezug zu den Betrachtenden zum Tragen. Die Interaktion zwischen dem Bild und jenen, die davor stehen, gehen, innehalten und – im besten Fall – sich versenken bleibt fundamental.

Die Schwarz–Weiss–Ästhetik, die sich durch sehr unterschiedliche Werkgruppen, sogar bis zur persönlichen Homepage,[6] zieht, scheint sich nicht nur aus einer Unlust an Farbe zu generieren. Die Gründe mögen vielfältig sein, etwa das dichotomische Gegenüberstellen, das Ausleben von Gegensätzen. Das euphorische Kontrastieren eignet sich hervorragend zum Herausarbeiten markanter Gesichtsstrukturen aus dem Weiss des Bildträgers, wie etwa bei der Serie kranke köpfe.[7] Raneburger notiert dazu am 31.10. 2001:

„porträts psychisch kranker personen, personen mit kranken ideologien,

porträts von personen, die folgen/taten (factum) solcher ideologien darstellen/versinnbildlichen

einerseits wird durch die gegenüberstellungen dieser drei ebenen ein verschwimmen im ausdruck (krankheit, angst, macht, gier, phobie,…) scheinbar suggeriert,

andererseits wird dadurch die gefährlichkeit der möglichen vermischung/trennung der täter-opfer-rolle beschrieben

insofern ist es schließlich der begriff „krank“ – abgrenzend und einschränkend – der von jedem selbst überdacht werden muss“.[8]

Die Ateliersituation spiegelt bisweilen diese durchlässige Farbabstinenz. Künstlerfreund Paul Renner schreibt am 19.1. 2002 in Erinnerung an einen Besuch: „Papierbogen, Tusche, Kreide, weiße Farbe und schwarze Stifte, Glas und Aluminium, haufenweise Eisschranktüren, ansonsten keine weiteren Farben…Was Peter beobachtet und beschäftigt, nehme ich anhand der Fakten, die das Atelier bestimmen wahr…Wahrnehmung als eine Reise durch den schizo-geografischen Raum, eine geheime Kulturgeschichte, eine neue Vermessung des menschlichen Körpers, kopulierende Bilder“.[9]

Eine weitere Herkunft der Schwarz–Weiss–Ästhetik mag wohl von der Versenkung in Schriftwelten ableitbar sein. Er liest euphorisch. Die Zeitungsstöße im Atelier sind nur äußerer Ausdruck einer sinnlich, intellektuellen Auseinandersetzung, die sich auch in seinem Philosophiestudium an der Theologie in Innsbruck niederschlägt. 2005 diplomiert er mit dem Thema Der Begriff „Person“ im Spannungsfeld philosophischer Argumentation.[10] 2008 dissertiert er über Philosophische Argumentationen zum Begriff „Menschenwürde“ mit anschließenden ethisch-moralischen Analysen in den Bereichen der Pränatal- und Reproduktionsmedizin anhand von Fallbeispielen mit dem Versuch einer Festlegung ethischer Grundlagen für diese Wissenschaftsbereiche.[11] Raneburger zieht sich zwar in Matrei in Osttirol zurück, aber gleichzeitig öffnet er sich über die Medien. Das Inkorporieren von politisch relevanten Persönlichkeiten beziehungsweise von Opfern und Tätern bei schwerwiegenden Auseinandersetzungen überall auf der Welt ist signifikant in seinem Œuvre. Provokant kombiniert er geladene und überladene Symbole. Der drängende Körperbezug ist evident – begleitet vom Gefühl freiliegender Nerven.

Die skeptisch-aggressiv-düstere Philosophie von E.[mile] M. Cioran (1911–1995) und dessen Persönlichkeitsstruktur, die sie reflektiert, haben Raneburger 2007 zu einer Serie veranlasst. Auf den Gipfeln der Verzweiflung ist der erste, signifikante Buchtitel von Ciorans Publikationen, die sich der Unlebbarkeit des Lebens widmet. Der Schriftsteller hat sich dem Prinzip Hoffnungslosigkeit, dem grundsätzlichen Zerfall verschrieben, der Untersuchung des Unzulänglichen. Die Grundhaltung zum Publizieren: „Ein Buch muß Wunden aufwühlen, sogar welche verursachen. Ein Buch muß eine Gefahr sein“.[12] Man gewinnt den Eindruck, dass Raneburger sein eigenes Werk ähnlich sieht. Bilder, die durchaus eine Gefahr sein können. Das markige Gesicht des Schriftstellers anverwandelt Raneburger im Bild cioran als blütenkelch (fleischfressend); die Augen sind weiß übermalt und erinnern an einen Aphorismus des Grenzgangs: „»Ich bin eine zerbrochene Puppe, mit Augen, die ins Innere gefallen sind.«

Dieses Wort eines Geisteskranken wiegt schwerer als die Gesamtheit aller Bücher über Introspektion“.[13] Die Rezeption des rumänisch-französischen Philosophen, der niemals ein System für sich beanspruchte, eher ein unsystematisches System der Absage pflegte, war immer außerordentlich ambivalent. Die Repetition des Negativen evoziert Attraktivität und Abscheu zugleich. Der Tod gewinnt in der Ausweglosigkeit die größe Attraktivität: cioran als behaartes insekt. Im Ablauf der Zeit und im Verständnis von Geschichte gewinnt er nur mit Aussichtslosigkeit Terrain: „Hoffen heißt: die Zukunft dementieren“.[14]

Der Tod ist die alles umfassende Grenze. In der Serie Mors widmet sich Raneburger der Darstellung von Toten relativ knapp nach dem Exitus.[15] Das Totenbildnis hat eine sehr lange Tradition, die aber heute verlustig geht. Früher hat die Familie Künstler beauftragt, oder ist auf sie zugegangen – heute kehrt sich das fast um. Ein solches Unternehmen erhält einen konzeptuellen Ansatz. Da müssen Einverständnisse eingeholt werden. Da müssen sensible Vorgespräche geführt werden. Jede individuelle Auseinandersetzung mit den gerade Verstorbenen ist eine je eigene visuelle und psychische Herausforderung. Zugleich soll mit der persönlichen Begegnung die grenzenlose Würde gewahrt werden.

In mehreren Serien greift Raneburger auf die christliche Ikonographie zurück, um aber im gleichen Moment spezifische Verfremdungen und Umkehrungen hervorzurufen.[16] So nimmt er 1998 ein Foto von Ilse Stachowiak, eines Mitglieds der RAF (Rote Armee Fraktion) und betreibt mit kleinen Eingriffen eine Ikonisierung wie eine Hl. Therese. Die Ambivalenz und die Doppelbödigkeit treiben einen Stachel in die Wahrnehmungskonventionen und irritieren damit bisweilen breitere Bevölkerungsschichten. 2011 kam es in Osttirol zu einem Skandal, weil der Künstler das Werk Hallelujah ein Herz-Jesu-Bild mit einem Schafschädel, 2009, im Bereich des Kopfes Christi, überarbeitet. Die Entrüstung hatte bisweilen selbst wieder Aussagen generiert, die theologisch bedenklich sind, vor allem wenn die religiösen Interpretationen mit politischen Zielen zusammentreffen. Die Entrüstungen sind Teil einer Bilderlesung, die visuelle Konventionen in zu einfache Kanäle gießt.

Indem Raneburger immer wieder ganz bewusst heikle Themen aufnimmt, indem Sexualität, Körperintensität, politische Abgründe, Aggression und Gewalt direkt oder indirekt in seine Werke einfließen, drängt er die Betrachtenden in einen Prozess der Auseinandersetzung, der zu Widerspruch und Beipflichtung reizt, aufreizt, ärgert, zu Ekel veranlasst, zu Einfühlung verführt, zu Ablehnung aufheizt, Mitleid erregt, religiöse Fragen auf ihren Ursprung zurückführt und letztlich nie unbeteiligt zurücklässt. In Anlehnung an Cioran könnte man sich fragen, ob Raneburger eine Grundlinie verfolgt: Ein Bild muss Wunden aufwühlen, sogar welche verursachen. Ein Bild muss eine Gefahr sein.

[1] E.[mile] M. Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, Frankfurt a.M. 1980, S. 82.

[2] Kat. Ausst. Saint Sebastian. A Splendid Readiness for Death, Wolfgang Fetz, Gerald Matt (Hg.), Kunsthalle Wien 2003/2004, Nürnberg 2003; vgl. weiter Paul Albert Leitner, die reise zum hl. sebastian, Wien 1993.

[3] Kat. Ausst. Androgyn. Sehnsucht nach Vollkommenheit. Neuer Berliner Kunstverein. Ausstellung und Katalog: Ursula Prinz. Mitarbeit: Tino Bierling. Berlin 1986.

[4] Hans Biedermann, Das Androgyn–Symbol in der Alchemie, in: ebenda, S. 57–74.

[5] Peter Raneburger, ES II, Bruneck 1995.

[6] http://www.peterraneburger.com.

[7] Peter Raneburger, kranke köpfe. Tagebuch III, Bruneck 2002.

[8] Ebenda, S.67.

[9] Ebenda, S. 11; zu einem gemeinsamen Projekt der beiden Künstler: Raneburger Peter Leere füllt Paul Renner – voll in die Leere, St. Nikolauskirche – Matrei/Osttirol, Bruneck 1996.

[10] Peter Raneburger, Der Begriff „Person“ im Spannungsfeld philosophischer Argumentation, Dipl.Theol. Innsbruck 2005.

[11] Peter Raneburger, Philosophische Argumentationen zum Begriff „Menschenwürde“ mit anschließende ethisch-moralischen Analysen in den Bereichen der Pränatal- und Reproduktionsmedizin anhand von Fallbeispielen mit dem Versuch einer Festlegung ethischer Grundlagen für diese Wissenschaftsbereiche, Theol. Diss. Innsbruck 2008.

[12] E.[mile] M. Cioran, Gevierteilt, Frankfurt a.M. 1982, S. 67.

[13] E.[mile] M. Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, Frankfurt a.M. 1980, S. 30.

[14] Ebenda, S. 51.

[15] Peter Raneburger, Mors, mit Textbeiträgen von Franzobel, Slavko Grum und Johann von Tepl, mit Rezensionen von Bernhard Braun und Günther Dankl, Ottensheim an der Donau 2007.

[16] Peter Raneburger heiligenbilder. Deviation. Tagebuch II, Bruneck 2000.

2011 . IT´S PAINFUL TO SEE YOUR OWN BONES

Es ist vermutlich nicht so einfach, Peter Raneburgers gewählten Titel für diese Ausstellung sofort zu verstehen – und ich meine damit nicht den englischsprachigen Wortlaut – nämlich mit dem Sinn der Wortwahl umzugehen und eine für uns schlüssige Interpretation zu finden:
„it’s painful to see your own BONES – es schmerzt, die eigenen KNOCHEN zu sehen”.
Nun, dem gewählten Titel liegt jene Erkenntnis um die eigene Unzulänglichkeit zugrunde, eine Erkenntnis, die die Bereitschaft jedes Einzelnen von uns widerspiegelt, sich jeglicher Form von Manipulation und Täuschung unsensibilisiert und vor allem unreflektiert hinzugeben – und das unabhängig davon, welchem Bildungskreis oder Kulturkreis oder Interessenskreis jemand angehört. Die Verweigerung selbstkritischer Betrachtungen ist im Grunde genommen das thematische Ausgangsmotiv für Peter Raneburger, der seinen Ausstellungstitel auch als „Metapher für die schmerzhafte Erkenntnis eigener Schwächen, für die schmerzhafte Offenlegung des Essentiellen gegenüber dem Scheinbaren“ beschreibt. Die Knochen sind nicht nur der anatomisch feste Baubestandteil unseres Körpers, sie sind das fundamentale Gerüst für unser Fortkommen, aber Knochen sind ebenso die Grundstruktur unseres Inneren – und das in metaphorischer Absicht gesehen.
Gerade das für das Plakat der Ausstellung gewählte Motiv mit dem Titel „hallelujah“ polarisiert vermutlich schon beim ersten Anblick und spaltet unsere Vorstellungen und vor allem unsere Interpretationsvorlieben – das Abbild des „Heiligen Herzen Jesu“, von Peter Raneburger überarbeitet und übermalt mit dem Abbild eines Schafsschädels. Es gibt vermutlich nicht wenige unter uns, die diese Darstellung verweigern, sie fühlen sich in ihrer Religiosität beleidigt und wahrscheinlich auch gedemütigt – aber, das vertraute und vielfach tradierte Bild Jesu, das für viele Menschen als Sehnsuchts- und Andachtsbild gilt, erfährt bei Peter Raneburger k e i n e blasphemische Entwürdigung, sondern seine Überzeugung vertritt das ganze Gegenteil: Diejenigen sollten sich mit dem Kollektivdrang von SCHAFEN vergleichen, die sich in ihrer ureigenen Interpretation von Religiosität, von ihrer inneren Überzeugung bis zum Wertewandel täuschen, blenden und sich von staatlichen und kirchlichen Institutionen manipulieren und unwidersprochen leiten lassen – und ich möchte hier betonen unabhängig davon, nach welchen Grundsatzvorstellungen man lebt!
Und wie sollte oder könnte man die kleinformatige Arbeit von der „im Badeanzug sitzenden u n d lesenden Marilyn Monroe mit dem Titel „ihr beschissenen (geistigen) insulaner – den katholiken“ einordnen? Von Peter Raneburger wurde sie ausgesprochen expressiv und kraftvoll beinahe nur mit der Farbe Schwarz überarbeitet und trotzdem grafisch k o p f l a s t i g betont… Stereotype Vorstellungen von Marilyn Monroe als die imageträchtig einstudierte Kunstfigur und blondes Sexsymbol, die sich noch dazu das Leben nahm – man stellt sich doch sofort die assoziative Frage: Kann so eine Person Intellekt besitzen? Kann so eine Person ein differenziertes Weltbild als geistige Erbauung für sich beanspruchen? Dem INSULANER, als Synonym geistiger Abgegrenztheit und Isoliertheit fehlt dafür der Weitblick, ich nenne es auch die Reflexionsbereitschaft und die Toleranz für die Würde und Grundwerte des Gegenübers – und das natürlich nicht nur in der Interpretation von Peter Raneburger.
Ich kann gut verstehen wenn Sie verstimmt werden von provozierend gewählten Titeln, wie „Karfreitagsakt“, „(androgynous saint) transsexualität“, „the breath of a belfast child“, „terroristic nuns“, ”pietà of cruelty”, oder „affengruß (hindenburg du fette sau / adolf du geficktes arschloch“. Der Titel eines Bildes oder von Bilderzyklen, dem nicht selten essayistische Notizen und tagebuchartige Aufzeichnungen vorangehen, wird von Peter Raneburger fast immer bereits im Voraus festgelegt, also bevor seine Arbeiten auf Leinen, auf Papier oder auf Plexiglas und anderen Medien ihre eigentliche Ausführung erfahren.
Die inhaltliche Grundthematik seiner Bildfolgen, das ganz stark nach außen drängende Leitmotiv seiner Überlegungen, Ansichten und der ideellen Überzeugung, lässt die maltechnische Umsetzung „im Bild“ im Grunde genommen als A k t des Beendetseins mit dieser Auseinandersetzung begreifen. Der A k t des Loslösens und Hinterfragens von vielfach vertrauten und insbesondere auf unsere visuellen Gewohnheiten adaptierte Bildsujets wäre ein Weg in eine Richtung, sich eher dem Essentiellen wieder nähern zu wollen – und ich meine damit Inhalte von Abbildern mit übertradierten sakralen und profanen Motiven, fotografische Schablonen unseres Alltagslebens, oder ins Belanglose abdriftende Darstellungen von malträtierten, geschundenen, misshandelten, verwundeten und getöteten Menschen – Fotos und Bilder, die Teil unseres Alltages sind und im Grunde genommen unsere Vorverurteilung dem Dargestellten gegenüber fördern und wir nicht selten damit überfordert sind.
Mit dem Prozess des Malens, der Übermalung, in dem Sinn der Überarbeitung, wird der Inhalt der Vorlage folglich vom Künstler erforscht, förmlich zerlegt und einer weiteren konsequent hinterfragenden Ebene anvertraut – immerhin sind die „Herangehensweise“ und die konzeptuellen Impulse für Raneburgers Projekte, Installationen und eben jene Bilddarstellungen R e a k t i o n e n auf jene analytische Auseinandersetzung mit Themenkreisen, die für den Künstler immanent wichtig sind.
Ansprechen möchte ich in diesem Zusammenhang auch die kleinformatige Arbeit mit dem Titel „kitchen table (family stamping)“: Als Untergrund wählte Peter Raneburger eine Abbildung mit einem „Mittagessen-Motiv“ von Albin Egger-Lienz und überarbeitete die Szene insofern, als er den Esstisch umgedreht darstellt (mit den Beinen nach oben und die Tischplatte am Grund) – und trotzdem hängt eine Person über diesen umgedrehten Tisch – der Tisch mutiert dadurch zum Stempel. Peter Raneburger thematisiert hier die nicht immer belanglosen und alltäglichen familiären Gesprächsgepflogenheiten, insbesondere beim gemeinsamen Essen – Kinder und Jugendliche werden eben durch die Gesprächskultur ihrer Eltern und Großeltern oder von Menschen, die für sie verantwortlich sind geprägt und in ihrer Meinungsbildung ideologisch markiert – in dem Sinn sind Intoleranz, Feindseligkeit und Radikalismus bis zum Fundamentalismus schlussendlich auch ausufernde Ergebnisse dieser vielfach akzeptierten Gesprächskultur.
Abbild und oftmals deren provokante Übermalung, zusätzliche schriftliche Notationen in den Bildwerken und als Titel, und schließlich von Peter Raneburger begleitende Texte sollen uns dazu animieren und ermutigen – vorausgesetzt wir wollen uns auf diese Materie einlassen – zwischen diesen Ebenen, zwischen Klischee und der Wirklichkeit, durchaus weitblickend zu wählen und schließlich persönliche Schwächen selbstlos, vielleicht auch altruistischer zu überdenken. Ich möchte behaupten, Peter Raneburgers Intention und Ziel seiner Arbeit, die nicht immer untendenziös auffällt, ist es nun – und diese Ausstellung hier ist natürlich ein Auszug daraus – diese schwierige und vor allem schmerzvolle Erkenntnis um die Fehlbarkeit der eigenen Person, des eigenen Ichs essentiell zu erkennen und kritisch zu hinterfragen und gegen Engstirnigkeit und jegliche Form des Moralisierens aufzutreten.
Abschließend möchte ich zusammenfassend noch anmerken, dass BONES – die KNOCHEN als das Gerüst unseres Lebens, unserer Körper und hier in übertragener Bedeutung SINNBILD sind, für die persönlichkeitsinduzierte Grundstruktur jedes Einzelnen von uns, und dass die nicht nur von Peter Raneburger erhoffte Erkenntnis um die Fehlbarkeit fast sicher nach einem läuternden Prozess das Weltbild verändern kann.
Mag.phil. Eleonora Bliem-Scolari . März 2011

 

2008 DON’T TALK ABOUT FLOWERS

Peter RANEBURGER . dont talk about flowers | Gallery 9900 . Lienz
Peter Raneburger ist als Künstler und Philosoph (abgeschlossenes Studium an der Universität Innsbruck) ein ANTHROPOLOGE, also jemand, der sich der Wissenschaft rund um den Menschen verschrieben hat. Er forscht mit künstlerischen Mitteln an den Grenzen, Abgründen und Strukturen menschlichen Daseins und scheut sich nicht, Themen anzusprechen, die manche lieber unter den Teppich kehren würden.
Anlässlich eines Besuches in seinem Atelier ist mir das Bild DARWINS CLUTCH (Klaue, Griff) als möglicher Schlüssel zu seiner Arbeit ins Auge gefallen.
Primär, zeigt es das ganze großartige zeichnerische Potential des Künstler, sekundär weist die ausgestreckte Pranke Darwins (1808-1882) auf die revolutionäre Evolutionstheorie hin, die definiert, dass die verschiedenen Arten nur durch Anpassung an den Lebensraum, durch Variation und natürliche Auslese entstanden sind. Inwiefern geht ein Künstler wie Peter Raneburger damit um? Er hinterfragt und analysiert diese sozialen und humangenetischen Zusammenhänge und gelangt dabei zu neuen Fragestellungen, denen er auf der Spur bleibt. Was haben wir alle gemeinsam? Was trennt und voneinander? Ist es die Herkunft, die Bildung, die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, jegliche Art von kultureller Prägung?
Notgedrungen stößt Raneburger mit Fragen und Antworten dieser Art an große, die Menschheit prägende Themen wie Religion, Sexualität, Körperlichkeit und -Funktion, Geburt und Tod.
In verschiedenen Werkserien zeigt Raneburger in der Ausstellung dont talk about flowers (engl. frei übersetzt: nicht um den heißen Brei herum reden) künstlerische Resultate dieser Auseinandersetzung.
In Sexualstudien kratzt er (in genialer Kombination von Druck auf Plexiglas und Übermalungen) am Tabuthema Sexualität, sofern das heute überhaupt noch möglich ist. Er selbst begreift Sexualität als Gemeinsamkeit, als ein vorhandenes Bindeglied und Instrument der „ Gleichmachung“ zwischen Menschen jeglicher Herkunft und Rassenzugehörigkeit.
In einer eigens für die Ausstellung fertig gestellten Werkserie widmet er sich einer ganz bestimmten Körperöffnung, dem Anus ( After) und versieht die ästhetischen hochglänzenden Arbeiten auf Plexiglas mit Titeln wie foolish, old, sophisticated oder supercilious. Assoziationen zu Redewendungen des Alltags und Klassifizierungen unserer Umgebung und einen spezifischen Umgang mit der Sprache, lässt er offen im Raum stehen.
Dass Darwins Griff auch vor dem Philosophen und Kulturkritiker Emile Cioran und vor Königinnen nicht haltmacht, zeigen weitere Arbeiten – auch sie weinen und sondern Körperflüssigkeiten ab.
In allen Themen, die der Künstler schon bearbeitet hat, hat er niemals unnötig provokant agiert, sondern einfach immer ungewöhnlich prägnant. Er sucht nach einer dahinter liegenden Schönheit der Dinge, die sich weit abseits einer klischeehaften Hochglanzästhetik bewegt.
Die Ausstellung zeigt einmal mehr, dass Raneburgers künstlerisches Interesse ganz sicher nicht den flowers gilt, sondern vielmehr den Blüten, die die Menschheit in ihren Standesdünkeln und Ignoranzen treibt. Sein kritischer Blick bleibt immer konstant, ob er sich nun künstlerisch mit Heiligenbildern und Huren, mit Randgruppen und kranken Köpfen beschäftigt, oder in Totenbilderzyklen dem Gevatter Tod jeglichen Pathos raubt. Unabhängig davon, ob er den Menschen als geschundenes und missbrauchtes Wesen darstellt, oder eine vollkommen neue Sicht auf den menschlichen Körper ermöglicht. Eine Sichtweise, die frei und unbelastet ist und uns vor Augen führt, dass, was immer wir glauben, gelernt oder erfahren zu haben, die Spezies Mensch doch überall dieselbe ist. Seine Arbeit als bildender Künstler besteht letztlich darin, nicht um den Brei herum zu reden (don´t talk about flowers), sondern ihn solange zu kochen, um neuralgische Punkte der Gesellshafft freizulegen und sie vor uns drastisch und unvoreingenommen auszubreiten.
Don´t talk about flowers, believe in art and learn to see!
ULLI STURM . Kunstbüro Sturm | Klagenfurt . Mai 2008

 

2006 MORS

Zwischen Wesenheit und Pathos – Versuch einer Zuordnung
Peter Raneburgers künstlerisches Schaffen ist alles andere als gefällig und bequem. Sein bisheriges OEuvre bewegt sich ständig am Rande des menschlichen Daseins. 1998 hat er sich mit den Randgruppen und Außenseitern unserer Gesellschaft auseinander gesetzt (Tagebuch I). In dem im Jahr 2000 präsentierten Zyklus der „Heiligenbilder“ (Tagebuch II) prangert er in aufwühlenden Überarbeitungen medialer Bilder die „Scheinheiligkeit“ der Kirche und insbesondere deren Widerspruch zwischen verkündetem Anspruch und Wirklichkeit an. In der daran anschließenden Serie der „kranken Köpfe“ (Tagebuch III) von 2002 gestaltet er bewusst plakativ gehaltene Portraits psychisch kranker Personen und schafft damit ein „höchstpersönliches künstlerisches Statement zu einer gesellschaftlichen Realität, die das Schlechte, Fanatische, Extreme, Gewaltorientierte, Terroristische, Destruktive absolut personalisiert“ (Martin Hochleitner).
Von dieser zyklisch erfolgten bildnerischen Niederschrift des menschlichen Leids und Leidens kommt Raneburger in konsequenter Fortsetzung zur Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben. Bereits 2001 hat der Künstler in der Krypta der Ursulinenkirche in Linz eine Installation mit 3000 Kunstrosen zu diesem Thema geschaffen. Bis in das Jahr 2002 reichen auch seine diesbezüglichen Tagebuchaufzeichnungen und Notizen, die sein bildnerisches Werk stets gedanklich begleiten und vorbereiten, zurück.
Eine Einladung des kunstforums ferdinandeum nützte Raneburger dazu, im Studio des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum das gedanklich seither Aufbereitete in eine bildnerische Entsprechung überzuführen. Von literarischen „Parallelismen“ (Raneburger) und persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen ausgehend, sucht der Künstler in seinen Bildern einen unpathetischen und nüchternen Zugang zum Thema des Todes. Durch die Beschränkung der Farbskala auf schwarz und weiß („Schwarz gibt den Blick auf das Wesentliche frei“, Raneburger) und die Konzentration auf das rein physiognomische Erscheinungsbild geht es ihm vorrangig darum, seine „Totenbilder“ vom „Schleier des Pathos“ (Raneburger) zu befreien.
Im Frühjahr 1931 hatte der österreichische Künstler Herbert Boeckl auf Einladung des Primararztes Prof. Weltmann die Gelegenheit im Seziersaal des Wiener Franz- Joseph-Spitals zu zeichnen und zu malen. Das Ergebnis waren eine Reihe von autonomen Zeichnungen und das großformatige Gemälde „Die Anatomie“, das zu den Hauptwerken im malerischen Schaffen Boeckls am Anfang der dreißiger Jahre zählt. Neben den Blättern und diesem Hauptbild schuf der Künstler einige wenige Gemälde, die im Zusammenhang damit stehen und von denen sich das bedeutendste im Besitz des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum befindet (Toter Jüngling, 1931, Inv. Nr. Gem 3071).
Boeckl hält in diesem, wie in den anderen Bildern zur „Anatomie“ auf malerischem Wege fest, ohne zu „(be-)deuten“ (Otto Breicha). Er beachtet und beobachtet gleichermaßen. Es sind reine Naturstudien, die uns der Künstler in seinen Gemälden und Zeichnungen vor Augen hält. Und dennoch bekam Boeckl einen „tiefen Einblick in Leben und Tod“, auch lernte er dabei „das Zufällige vom Wesentlichen zu unterscheiden“, wie er sich dazu in einem Radiointerview 1935 geäußert hat.
Boeckls „Verwesentlichung“ (Otto Breicha) der bildnerischen Darstellung steht am einen Ende der Skala der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Sterben in der bildenden Kunst. Das andere Ende bildet die barocke Auffassung des Todes, die dessen Allgegenwärtigkeit in pathetisch und emotional aufgeladenen, zwischen dem „mors triumphas“, dem triumphierenden Tod, und dem steten Bewusstsein an die Unausweichlichkeit des Todes („memento mori“) angesiedelten Bildern zum Ausdruck bringt. Paul Trogers „Einbalsamierung des Leichnams Christi“, entstanden um 1729, in der Barocksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum (Inv. Nr. Gem 255), kann stellvertretend dafür angesehen werden.
Böckls „Toter Jüngling“ und Trogers „Einbalsamierung“ sind in der unmittelbaren Nähe zu den „mors“-Bildern von Peter Raneburger ausgestellt. Sie bilden die kunsthistorischen Eckpfeiler zu seinen Bestrebungen, den Tod als letzte und absolute Grenze des Lebens zu veranschaulichen. Das Ergebnis sind Bilder, die sich jeglicher moralisierenden und pathetischen Einvernahme verweigern, zugleich jedoch mittels impulsiver gestischer Über- und Bearbeitung aufwühlende und mitunter beklemmend wirkende Emotionen und Verletzungen zum Vorschein bringen, denen sich der Betrachter nur sehr schwer entziehen kann.
Günther Dankl, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

 

2006 MORS TEXT II

Wider das moralisierende „memento mori“.
Oder: warum man das Leben nicht dem Tod unterordnen sollte!
Egal, ob es sich um in der Gesellschaft Ausgegrenzte handelt, die er teilweise als Heilige rekonstruiert, Menschen, die anecken, oder um kranke Köpfe, psychisch Kranke und Süchtige nach krankhaften Ideologien – es geht Peter Raneburger bei der Arbeit an solchen Themen an keiner Stelle um reine Provokation. Peter Raneburger ist vielmehr radikal, einer, der die Dinge an der Wurzel fasst. Dabei steht immer und seit langem der Mensch im Mittelpunkt seines Nachdenkens, genauer recht eigentlich die Exploration dessen, was sich hinter der Körperhülle verbirgt. Lässt sich vom körperlichen Ausdruck auf den Kern des Menschen zurückschliessen? Und vor allem: Was bleibt vom Menschen, wenn die körperliche Hülle abstirbt, im Tod? Weit entfernt von allen zivilisatorischen Strategien des edlen Verfalls, weitab von pathosschwangeren Heilsbotschaften eines leiblichen Fortlebens nach dem Tod, wo die Gebrechen des Körpers wundersam beseitigt sind, analysiert Raneburger minutiös und aufdringlich das langsame Verwesen des Fleisches, das vorher der Geist in seinen Gebrauch genommen hatte. In diesem penetranten Verfaulen – so möchte der Künstler es sehen – verrät sich schlicht die Jämmerlichkeit menschlichen Daseins, decouvriert sich jede Wichtigtuerei des Menschen, der den Körper in ritualisiertem Pomp entsorgt, um die schöne Gestalt über den Tod hinaus zu retten.
Am 16. Juli 1999 steht in seinem Tagebuch, das er als Kommentierung seines künstlerischen Weges öffentlich macht: „… rauf auf den Berg und erkennen, wie unwesentlich der Einzelne ist …“ Raneburger braucht wohl den Abstand der Vogelperspektive, um sicherzustellen, dass der tote Körper in seinen Malerhänden nicht durch das moralisierende „memento mori“ seines explosiven Potentials beraubt wird. Als unförmiger, und spannungsloser Fleischberg liegt er vor dem Betrachter – sinnlos und hoffnungslos. „Eva spürt im angreifen, dass der körper leer ist“ notiert er am 4. November 2005. Eine seiner Bezugsfiguren, Thomas Bernhard, spielt ihm gleichsam den basso continuo seiner Arbeiten am Tod: „Sterben“, so zitiert er den Dichter im November 2005 – im Monat des Allerheiligenkults –, ist „die endphase unseres lebenslänglichen sterbeprozesses nichts als die hoffnungslosigkeit ist uns am ende offen.“
Doch das „rauf auf den Berg“ verrät vielleicht mehr, als dem Künstler bei seiner Notiz bewusst war. Es ist für einen im tiefkatholischen Osttirol Geborenen und Aufgewachsenen ein hartes Stück Arbeit, in solch existenziellen Fragen seine Sozialisierung hinter sich zu lassen. Gegen diese Herkunft arbeitet er in den Malereien und Übermalungen menschlicher Konterfeis an und es mag ihm nicht selten der Sinn nach Flucht stehen, um den nötigen Abstand zu gewinnen.
Wie überzeugend Raneburger diese im wahrsten Sinn des Wortes trost-lose Sicht auf den toten Körper gelungen ist, ließ sich anlässlich der Präsentation von „mors“ im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum studieren, wurde sie doch ganz bewusst neben die Barockabteilung situiert. Im Barock geht der morbide Kult sexueller und religiöser Exstase, der übersteigerten Emotion, mit dem Tod eine Symbiose ein und ritualisiert ihn verklärend zum prachtvollen ästhetischen Triumph. Raneburgers verwesenden Körper sind ein harter Schlag gegen die von Barockphilosophen konstruierte Monade des sich selbst genügenden Menschen. Gleichwohl taucht Raneburger damit nicht in das Mittelalter ein, vielleicht dorthin, wo es am dunkelsten war und Innozenz III. (1198-1216) in seinem „De miseria humanae conditionis“ im Menschen gegenüber den wohlduftenden Pflanzen nur einen Produzenten von Speichel, Urin und Fäkalien sah. Unablässig denkt er in seinem Tagebuch den Qualitäten Verstorbener nach, die ihm nahestanden oder mit denen er Lebensabschnitte teilte.
Gibt es ein Gedenken, ein Präsenthalten, eine Verehrung jenseits kulturell eingeübter Rituale und Geschichten? Muß man die eingangs gestellte Frage nach dem Rest beim Absterben des Körpers anders stellen, nämlich so: Ist die kompromisslose Entzauberung der Würde des Todes nicht umgekehrt ein leidenschaftliches Plädoyer für das Leben, das sich nicht vom Tod bestimmen lassen soll? Die Gedankenarbeit um diese Dinge geht unablässig, freilich nach Raneburgers Purifizierung, in anderer Qualität weiter und man darf gespannt sein, wie sich seine künstlerische Arbeit fortschreibt.
Bernhard Braun

 

2003 . ENT.FREMDUNG

Peter Raneburger reagiert, beobachtet, verfolgt, sieht, versucht, festzuhalten, um auch gleich wieder loszulassen. Unmittelbar und unverwandelt schafft er entlang der Tagesereignisse, um schließlich an neuralgischen Punkten zuzuschlagen. Themen entwickeln sich aus dem Prozeß, den Raneburger tagebuchartig festhält. Leben, L-e-b-e-n entäußert sich mal schriftlich, mal malerisch, mal konzeptuell… Man würde den Künstler Raneburger schmälern, ihn bloß in eine Gattung – Malerei etwa – zu pressen. Was sich hier auftut, ist vielmehr der Einzelne, ja Vereinzelte, der Kunst zur Intensivierung treibt. Politisch sensibel, nimmt er Partei, keineswegs aber eindimensional. Erleben wird zum Erleiden, Miterleiden, zur Compassio. Fern aber des Zeigefingers, der zur blanken Ermahnung erhoben wird, bohrt der Künstler in Zuständen. Etwa, wenn er die Publikation von Fahndungsfotos der RAF Terroristen überarbeitet, verfremdet, zersetzt und zur Travestie freigibt, gerät das Ganze zur Untersuchung von Gruppen, deren Ideologien, dem Leerlauf von Ideologien und Verlust des Individuellen.
Malerische, gestalterische Mittel werden eingesetzt, um eine Interaktion zu dokumentieren. Die Kunst findet in einem Aktionsfeld statt und wird entsprechend in Szene gesetzt, weitab einer bloßen Ästhetisierung, die sich mit der Form zufrieden gibt, abseits des Schlagwortes vom „interesselosen Wohlgefallen“ nach Immanuel Kant. Kunst wird entlang des Lebensfadens placiert. In diesem Zusammenhang ist die Verortung, die Reaktion auf das jeweils Vorhandene – räumlich wie menschlich – von Bedeutung. Das dürfte auch mit der Grund für Raneburgers Gewinn einiger Wettbewerbe – Kunst im öffentlichen Raum usw. – sein. Konzentriert auf die bewegenden Themen wie Tod, Geburt, Aggression, Leiden, Religion, Philosophie sucht er künstlerisch nach den Schmerzgrenzen. Es sind Werke, die unter die Haut gehen. Die subkutane Kunst fährt ein, zersetzt, setzt Signale und Zeichen, tut weh. Thomas Bernhards Wort „Das Leben ist ein Prozeß, den man verliert“ scheint hier bezeichnend . Die doppelte Bedeutung des „Prozeßualen“ gerinnt dabei zu Kunst, die den Betrachter gefangen nimmt. Das Aufzeigen eines Verlustes schlägt allerdings in der Erkenntnis als Gewinn zu Buche. Indem der Künstler als Störfaktur die Finger auf die Wunden legt, ermöglicht er uns das Heraustreten aus uns selbst.
Da Raneburger sein Schaffen entlang seiner sehr persönlichen Lebensumstände entwickelt, werden die Arbeiten auf ein eigentümlich Weise selbstrefentiell. Sie werden auch auch kunstreferentiell. Wer seine publizierten Tagebücher liest, sieht plötzlich auch die Banalität des Kunstbetriebes und auch den Ekel; der Kulturbetrieb wird enttarnt. Das Wechselspiel von Künstlerinnen und Künstler, Medien, Kunsthändler, Vermittler wird aufgedeckt – das heißt, auch meine Rolle hier, auch ich bin Teil des ekeligen Kunstbetriebes. Streckenweise kann diese Lektüre auch amüsant sein. In jedem Fall durchbricht Raneburger die Diktion der Beiläufigkeit. Die Voraussetzung ist ein Nachrichtensystem, ist Aufnahme von Welt. Im Ablauf der Tage strömen Informationen auf ihn ein und werden anverwandelt. Ein Schlüsselmoment sind sicher Zeitungen, oder auch historische Dokumente, die im Prozeß zur Projektionsfläche der Auseinandersetzung werden. Oder etwa weitere Dokumente wie Fotografien, die Raneburger verändert, in sie eingreift, interveniert. Sehr oft wir das Ganze zu einem Verdeckungs- und Überlagerungsspiel. Charaktere werden hervorgehoben, überzeichnet, verschärft – oder laufen ins Abseits. Als künstlerische Unruhestiftung geraten Bilder zu Untersuchungen; es schieben sich Werkblöcke als Analysen in den Ablauf seines je persönlichen Erlebens.
Nicht zu unterschätzen ist die persönliche Ambivalenz der Lebensumstände Raneburgers, die er geradezu zelebriert. Einerseits der Rückzug in Osttirol, fern der Metropolen, die Umschlagplatz und Trendsetter von Kunst sein können, dafür nah und reich an den persönlichen Bindungen und auch nah an der Natur. Auf der anderen Seite ein forsches Eintauchen in das Weltgeschehen, Reisen, um am aktuellsten Stand der Dinge zu bleiben. Die beiden Seiten halten sich die Waage.
Im Zentrum stehen Gesichter, Visagen, Körper, geschundene, gefolterte, oder auch bösartig agierende. Das Gesicht wird auf seine Aussagekraft befragt; und in der spezifischen Bearbeitung oder Verarbeitung entäußert sich zugleich eine Aussage, die weit über das Individuelle hinausgeht. Die malerische Qualität erreicht dabei oft ein Niveau – und zwar in der Höhe -, dass Raneburger selbst zurückschreckt, denn ihm geht es wohl kaum um bloße malerische Detailfragen, sondern ihm geht es ums Ganze.
Erst beim zweiten Eintreten hier in die Ausstellung „ent.fremdung“ – so als ob ich mich vor meinem eigenen Gedächtnis schützen müßte – erinnerte ich mich an eine Begebenheit, die mich nachhaltig erschüttert hat. Ich hatte in der sogenannten portugiesischen Synagoge in Amsterdam zu tun, die um 1600 von jenen zwangsgetauften Juden (Neu- Christen) gegründet worden ist, die vor der Inquisition flüchteten und zu ihrem ursprünglichen Glauben zurückkehrt sind. Ich wollte einige Dinge der Kunstgeschichte Portugals klären, und wurde an den Direktor der dortigen Bibliothek, Herrn Rosenberg, verwiesen. In Englisch die Unterhaltung beginnend, hat er gleich eingeräumt, dass wir ruhig in Deutsch fortsetzen könnten. Was mich sofort vollkommen irritiert hat, war das Gesicht des etwas über Siebzigjährigen, denn ich hatte den Eindruck, es wäre eher das Gesicht eines siebzehnjährigen, lediglich mit Falten. Jugend und Alter waren merkwürdig kombiniert. Ich war völlig irritiert von diesem visuellen Eindruck. Etwa zwei oder drei Monate später sah ich zufällig eine Dokumentation über das Sonderkommando in Auschwitz, also jener Gefangener, die den speziellen Dienst in den Gaskammern zu versehen hatten, die Opfer unmittelbar vor ihrer Tötung in die Auskleide- nicht Umkleideräume zu bringen, und anschließend die Toten aus den Gaskammern zu bringen. Das Sonderkommando wurde regelmäßig nach einiger Zeit liquidiert, um Zeugen zu vermeiden. Herr Rosenberg war Teil des letzten Sonderkommandos, von dem einige wenige überlebt haben und auch fähig waren über das unfaßbare Grauen in dieser Dokumentation zu sprechen. Dem Mann ist mit siebzehn das Gesicht buchstäblich eingefroren. Man kann nicht mal annähernd ermessen, was das Weiterleben mit solchen Erinnerungen bedeutet.
Vor diesem Hintergrund scheint mir die Fokusierung auf Gesichter bei Raneburger eine Bestätigung zu erfahren. Die Verfremdung, Anverwandlung und Irritation ist dabei notwendig – so wie ich in Amsterdam irritiert worden bin – um wacher zu werden. Es sind hier jene Grundpositionen zu finden, die für die Ausstellung „ent.fremdung“ die Basis bilden. Noch in den 60er Jahren war das Wort „Entfremdung“ dominiert von den marxistischen Diskussionen, um die Entfernung zwischen den Arbeitenden und den Produktionsmitteln im Kapitalismus zu charakterisieren. Heute ist Entfremdung gerade mal eine, die zwischen Kleinaktionären und Großaktionären stattfindet. Raneburger setzt ganz anders an. Nichts weniger als ein Erkenntnisprozeß, der sich in den Turm von Schloß hineinschraubt, ist hier konzipiert. „Entfremdung“ ist jene Irritation, der im optischen Wahrnehmungsprozeß durch Veränderung beziehungsweise durch Überarbeitung entsteht. Mit dem Durchbrechen der visuellen Gewohnheiten erfolgt eine Verschärfung der Sensibilität. Mit der Ver-Fremdung werden Zeichen und Signale gesetzt. Deren Dekodierung ist erst möglich, wenn man den Turm hinaufsteigt, oder vielmehr hinaufklettert; zugleich sieht man weniger an vorgesetzten Objekten und nimmt sich selbst wahr. Geschoß für Geschoß wird die Anlage leichter und offener.
Im untersten Geschoß wird der Auftakt mit einem doppelten Schrein vorgenommen. Auf der einen Seite liegt ein zusammengelegtes, schmutziges, „benütztes“ Transparent mit der Aufschrift „Ein Volk – Ein Reich – Ein Führer“, ein historisches Dokument, nationalsozialistischer Vergangenheit. Auf der anderen Seite befindet sich in der Vitrine ein Berg an Rosen, ein „Rosenberg“. Auf der Wand gegenüber hängt im Zentrum das summarische Porträt eines KZ- Häftlings. Flankierend nimmt Raneburger eine Verortung vor. Er malt er verkürzt die Gesichter der Vierzehn Nothelfer, wie er sie in der Apsis der Kapelle von Schloß Bruck vorfindet. In diesem Geschoß entsteht mithin ein achsialer, bedeutungsschwangerer Bezugsraum von Opfer und Täter.
Im nächsten Raum darüber nimmt er das Motiv der Köpfe auf, verändert sie aber, indem er die Vorlagen im Computer verändert, korrumpiert, verfremdet. Helligkeiten und Farben als auch das Medium werden ausgetauscht. Im nächsten Stockwerk wird die Darstellung des Opfers vergrößert, die weiteren Köpfe umkreisen dieses Zentrum. Darüber werden nun die Köpfe schwarz gerastert und über reflektierende Folien gelegt. Damit nimmt der Betrachter – sich selbst spiegelnd an der Darstellung selbst teil. Die Reflexion ist im doppelten Sinn zu verstehen: Reflexion als visuelle Spiegelung aber auch als philosophische Handlung, in welcher der Denkende gleichsam aus sich heraustritt, um in kritischer Distanz die eigene Position neu zu bestimmen. Die Ausstellung besitzt also eine Zeitstruktur, sie besitzt Verlauf und Ablauf über die Etagen, die Medien, die Größenverhältnisse hinweg. Der Besucher, der Betrachter ist selbst Teil der Ausstellung, konstituiert sie mit.
Im allerletzten Teil, im Finalissimo betritt man einen dunklen Gang, der in einem rosa Kubus endet. Man kann und soll sich in diesen Miniraum, einen „Uterus“ – das Thema von Geburt und Tod wieder aufnehmend – hineinlegen. In einem Spiegel sieht man sich selbst. Ein Foto einer blutenden Vulva, die „Wunde“ schließt das Ganze ab. Am 16. 7. 99 schreibt Raneburger ins Tagebuch:
„Ich könnte nicht leben, ohne Spuren zu hinterlassen.
Meine Spur ist das Bild“
Ich fordere Sie auf, diesen Spuren hier folgen.
Markus Neuwirth

2005 . TEXT ELENORA BLIEM SCOLARI
Eleonora Bliem-Scolari
Peter Raneburger: Die Bildfindung als analytisch konzeptuelle Herausforderung
Immer wieder begegnen wir Menschen, die durch ihr Wesen, ihre charakterspezifische Artikulation, ihr Argumentationsverhalten, ihr Talent und bestimmt auch durch ihr Handeln jene Furchen in unserer Gedankenwelt hinterlassen, die entweder noch tiefer gegraben werden wollen oder nach Einebnung verlangen. Die Bewertung des Eindrucks folgt im Anschluss an die Wahrnehmung desselben und reicht nun von emotionalen Höhenflügen über rationales Abtastenwollen bis hin zur Verweigerung eines weiteren Diskurses. Jede Form der Kategorisierung, im unauffälligen Alltagsgeschehen genauso wie im positionierten Kunstleben, fordert zuerst die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, dem Mensch, seinem Handeln und seinem Produkt.
Wenn Peter Raneburger in seinem veröffentlichten Tagebuch vermerkt „kann es nicht glauben, dass ich gehemmt und verstockt im Hirn war – kleinkariertes Denken prägte mein Sein – rauf auf den Berg und erkenne, wie unwesentlich das Einzelne ist – ich könnte nicht leben ohne Spuren zu hinterlassen – meine Spur ist das Bild“1, dann ist dieser kurze Auszug nicht nur ein Indiz dafür, hier einem Kunstschaffenden mit einem selbstbewusst differenzierenden Wertigkeitsgefüge zu begegnen.
Peter Raneburger wurde am 2. Oktober 1967 in Zell am Ziller geboren. Noch vor seiner Schulzeit übersiedelte die Familie nach Matrei in Osttirol, wo er bis heute mit seiner Frau Eva und den beiden Töchtern Miriam und Josephin lebt und arbeitet. Überhaupt bedeutet ihm das Leben in der scheinbaren Zurückgezogenheit, der Abstand zu jeder größeren Stadt ein vieles Mehr an Konzentration auf das essenziell Wesentliche in seiner Arbeit.
„Manche würden meinen die Strukturen einer engen sozialen Gemeinschaft engen auch den Geist ein, aber in Wirklichkeit erhalte ich gerade in diesem unspektakulären Umfeld jene Freiheit, Raum für Konzepte und deren Umsetzung zu schaffen.“²
Frühe Erfahrungen im Ausstellungsbetrieb und die Philosophie als Wegbereiter für seine heutige Arbeit
Die provokante Auseinandersetzung und das Abwägen der eigenen Möglichkeiten, vor allem der zu erwartenden Grenzen waren für Peter Raneburger schon sehr früh Teil seines Lebens, ein Abwägen mit fallweise aktionistischem Charakter. In dem Sinn entwickelte sich allmählich auch das Interesse, seine Gedanken, seine Wertvorstellungen und seine Stimmungslagen mit künstlerischen Stilmitteln zu formulieren. Man möchte vermuten, dass eine hinführende Ausbildung am nächsten lag, aber Raneburger entschied sich für die Absolvierung der HTL in Villach. Während dieser Zeit festigte sich u. a. der prosperierende Kontakt mit dem heute in Wien lebenden und im Architekturbereich tätigen Virgener Gundolf Leitner.
Bereits 1989 stellte er unter dem Pseudonym „Regrubenar“ in der Städtischen Galerie Lienz aus, weitere Ausstellungen folgten in der Auferstehungskirche in Neu-Rum bei Innsbruck, 1990 in der Kufsteiner Inngalerie, 1991 Präsentationen in der Innsbrucker Galerie im Andechshof und in der Museumsgalerie in Tarrenz. 1993 organisierte die Innsbrucker Galerie Maier eine Schau, und in demselben Jahr erhielt er auch den „Förderpreis für Bildende Kunst des Landes Kärnten“ zum Thema „Grenzgänger“. Interessant ist nun die weitere Laufbahn des Kunstschaffenden, die neben dem vollständigen Ausleben eines vorab schon intellektuell induzierten Kunstwollens auch eine weniger offenkundige, aber jede seiner Projekte ideologisch begleitende Richtung mitführt.
„Es ist für mich von großer Bedeutung, die verschiedensten Zugänge einer entstandenen Problematik zu durchleuchten, sie zu analysieren. Ich will die Motivation derjenigen verstehen, die durch ihr Handeln nicht mit den allgemein ethisch vertretbaren Denkprozessen konform gehen…“
Als wichtigen Schritt bei der Suche nach Antworten bezeichnet Peter Raneburger auch sein 2005 abgeschlossenes Studium der Philosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Im Mittelpunkt seiner Magisterarbeit steht die philosophische Aufarbeitung des Begriffs „Person“. Zum einen stellt die theoretische Zuordenbarkeit von Wesenscharakteristika und Ausformungen von Verhaltensmustern von „Personen“ einen fundamentalen Erkenntniskomplex dar, zum anderen bringt der Kunstschaffende Raneburger gerade die Ergebnisse dieser Analyse in seine künstlerische Arbeit mit ein bzw. begründet darauf seine Bildkonzepte. „Die Person ist immer schon vergemeinschaftet, hat immer schon Umwelt; der kommunikative Bezug ist ihr mit ihrem Dasein vorgegeben als Möglichkeit des Daseins, das aus der Beziehung zur Welt Sinn empfängt…“³, lautet eine skizzierende grundbegriffliche Beschreibung. Wie sich Menschen und ihre Persönlichkeit in einem bestimmten Zeitgefüge einordnen müssen, will auch der Künstler sich selbst und seinen Arbeiten die Zeit zur Verfügung stellen, die schlussendlich zum Ergebnis führt, nämlich Aussagekraft zu besitzen. Die Thematik des sich verändernden Menschen, seiner Person, zieht sich faktisch durch seinen Bearbeitungsprozess. Den Personen in Raneburgers Bildern adjustiert man anfängliche Unscheinbarkeit, die erst durch des Künstlers Interagieren aus ihrer schwarzweißen Unauffälligkeit treten. In der Absicht des Kunstschaffenden steht dezidiert das Bedürfnis, durch den Akt der Malerei die Manipulationen, Eingriffe in die Rechte der individuellen Persönlichkeit, selbstverständliche Misshandlungen und Entwürdigungen von Menschen näher zu bringen. In Folge beabsichtigt Peter Raneburger als weiterführende Herausforderung in seiner begonnenen Dissertation, das eng mit dem Begriff „Person“ zu sehende Thema „Würde“ aufzuarbeiten.
Die Wechselwirkung von Bild und Schriftlichkeit
2000 erschien gemeinsam mit den persönlichen Aufzeichnungen der Bilderzyklus „Heiligenbilder / Tagebuch II“.
„Der Titel eines Werkes allein ist für den Betrachter nicht immer aufschlussreich. Meine veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen sollen dem Betrachter meiner Arbeiten als Hilfestellung bzw. als Hinführung zum Thema dienen; sie gehören sozusagen dazu.“
Aus dem „Tagebuch II“: „Das Konzept der Ausstellung beruht auf Reflexionen oder Reaktionen auf gesellschaftspolitische Vorgänge unter Einbeziehung ortsspezifischer Komponenten – Einzelpersonen / Einzelsymbole – nominiert oder anonym – stehen gleichsam als Sinnbilder menschlichen Tuns aus Überzeugung – Überzeugung nicht im Sinne eines Gruppenkontextes, sondern im Sinne des spezifischen Individuums…“^4 Peter Raneburger stellt sich mit aller Konsequenz den Tabuthemen unserer Gesellschaft – er formuliert das malerische Näherbringen bis an unsere eigenen Grenzen der Akzeptanz. Wie tolerant oder ignorant sind wir Betrachter nun wirklich? Die tatsächliche Auseinandersetzung ohne verpflichtender Akzeptanz des Gesehenen eröffnet uns Betrachtern ein interessantes Spektrum der geistigen Höhen und Tiefen. Der Künstler will keine plakativen Bildsujets schaffen, um als provokante Hauptattraktion zu enden. Er zeigt nur auf, was Fakt ist – Tatsachen, für die wir Menschen selbst verantwortlich sind. Das Tagebuch als Hilfestellung für den „Leser“ seiner Arbeiten zum einen und zum anderen als künstlerischliterarischer Ansatz beweist Raneburgers Tendenz, der Schriftlichkeit eine parallele Bedeutung zu seinen Malereien und Projekten einzuräumen.
In der Einleitung zum „Tagebuch I – Eine Dreierbeziehung“, das 1998 als Ausstellungsbuch zum Thema „Gruppen“ erschienen ist, schreibt die Kulturjournalistin Andrea Schurian: „Peter Raneburgers Arbeiten erscheinen mir als spannende Materialexperimente, konzeptuell ja, aber keineswegs literarisch. Welch ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte…“^5 Das Buch in Abwägung zum Katalog als Präsentationsform der künstlerischen Arbeiten mit Textbegleitung stellt für Raneburger das eindeutig bevorzugte Medium dar.
„Die Buchform, das Tagebuch hat für mich mehr Aussagekraft und lässt mehr Freiraum zu – es ist eine emotionelle Geschichte.“
Die Vorstellung vor Publikum, zum Beispiel veranstaltete das Künstlerhaus Klagenfurt 2001 zur Finissage eine Lesung aus den Tagebüchern I und II mit dem Schauspieler Maximilian Achatz und einige Jahre vorher, 1994 traf sich Peter Raneburger mit weiteren Künstlern, wie Paul Renner, Josef Gamper, Fritz Grohs oder Bill Offermann zu einer „Soiree brut“ in Schwarzenberg, bedeutet nicht nur eine „Fundamentierung“ eines Projektes, sondern auch dessen Abschluss.
Diffizile Themen für eine programmatische Bildgestaltung
Einen weiteren wichtigen Themenkomplex stellen die schriftlichen, malerischen, konzeptuellen und installierten Abhandlungen über das differenzierte Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern dar. Malerische Notationen, Skizzen und Texte rund um die Geburt seiner Tochter Josephin, die 1995 im Buch „ES II – fragmentarische Dokumentation einer Schwangerschaft“ beschrieben wird, zeigen zum einen die Rolle der Verantwortungsperson auf, zum anderen stellt sich Peter Raneburger aber auch die Frage nach dem Ende des „Besitzanspruches“. Ab wann unterliegt die Verantwortung dem Eigennutzen eines Erwachsenen? Raneburgers Interesse endet nicht mit der Darstellung eines beglückenden familiären Ereignisses.
Die weit darüber hinaus medial-analytische Thematisierung des Infantizids, der Kindestötung, zählt zu jenen Berührungspunkten in Raneburgers OEuvre, in denen er kompromisslos die Positionen und die Stationen einer vielfach bewusst evozierten Extremsituation im menschlichen Tun als Beobachter beschreibt.
„Ich möchte nicht nur die Opfer zeigen, mir geht es dabei auch um den Aspekt der Zeit – die Zeit bis die Tat ausgeführt wird – die Zeit bis jemand zum Täter wird.“
„Gefangene Seelen“ betitelt der Künstler eine audio-visuelle Rauminstallation, mit der er in diesem Zusammenhang u. a. im Sommer 2005 bei der Gruppenausstellung „6 positionen“ im ehemaligen Gerichtshaus in Matrei in Osttirol vertreten war.
Der Faktor Zeit vergegenwärtigt sich in seinen Arbeiten nicht ausschließlich durch die serielle Abfolge einer Themensequenz, ebenfalls von immanenter Bedeutung ist die Justierung, auch eines zweidimensionalen Bildwerkes im Raum. Mit Kunstharz gebundene Farbpigmente, collagiertes Fotomaterial, Schriftstücke als ideelle Vorlagen und digital bearbeitete Bildsujets zählen zu einem Part seiner favorisierten Ausdrucksmittel. Neben Werken mit Objektanspruch und Installationen eröffnet sich gerade durch den Bildträger Glas und Plexiglas ein im wahrsten Sinne des Wortes weiteres Raumgefühl, das durch Licht entstandene Schatten als weiteren Zeitindikator miteinbezieht. Eine zügige, kontinuierliche Pinselführung, deren grafische Komponenten der malerischen Binnenzeichnung nur verhalten unterliegen, betonen zusätzlich Peter Raneburgers zeitbezogenes Arbeiten am Material. Nur am Material, vorwiegend Papier, mehrfach grundiertes Leinen oder Plexiglas als Druckvorlage, denn die Themenkreise selbst werden von ihm keineswegs einer raschen Abhandlung unterzogen; vielmehr resultiert jeder neue Interessensschwerpunkt aus einem voran gegangenen. Wichtig ist vor allem das rationale Eruieren und Forschen, um die daraus gewonnenen Ergebnisse als künstlerisches Konzept umsetzen zu können.
Mit dem Genre Film entdeckte Raneburger ein weiteres Medium, um seine Vielfältigkeit unter Beweis stellen zu können. Als provokant irritierend kann das 1998 im Rahmen eines Festmenüs konzipierte Filmprojekt „sundaychilds – SIX“ (S8-Film) bezeichnet werden. Dazu der Eintrag aus dem „Tagebuch I“: „Interessantes Angebot des Berggasthofes – Strumerhof – Mittwochs – Kulinarium – mit 5-gängigem Menü unter Titel – kleine und große Matreier…“6 Das Konzept des Films, der übrigens im Anschluss an das mehrgängige Menü als nächtliche Freilichtaufführung den Gästen gezeigt wurde, bezieht sich auf die eigentliche Vorbereitungszeit und die Abläufe vor dem finalen Essensakt. Vom Einkauf bis zur Schlachtung, vom Sortieren der Zutaten bis zum Separieren der anfallenden Abfälle – die Arbeit von sechs Werktagen für die Völlerei am siebten Tag.
Im Grunde genommen geht es Raneburger um die kritische, nicht moralisierende Bewertung eines selbstverständlichen Konsumverhaltens.
Produktives Arbeiten im Austausch mit anderen Künstlern
Als Ausgangspunkt für eine spannende Künstlerfreundschaft zeichnete sich eine von Peter Raneburger 1991 initiierte Lesung mit H. C. Artmann in einem Matreier Gasthof ab. Paul Renner, ein Vorarlberger Künstler mit internationalen Ausstellungserfahrungen, ein Freund Artmanns und Begründer der „Vacanz“, begleitet Raneburger seit dieser Zeit in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen als Projektpartner. 1996 verwirklichten die beiden die buchdokumentierte Arbeit „Leere füllt / voll in die Leere“, in der die „Phänomenologie“ der Nikolauskirche in Matrei in Osttirol und deren archaische Erscheinung thematisiert wurde, um „das dreidimensionale Erfassungsvermögen des menschlichen Auges der Wirklichkeit, des zweidimensionalen Ausschnittes, gegenüberzustellen“.7 Für 2006 ist bereits eine gemeinschaftliche Projektpräsentation mit Paul Renner, Franzobel und Rosa Pock in der Deutschvilla in Strobl am Wolfgangsee geplant, in der Peter Raneburger die Geschichte der Jugendstilvilla, die im Zweiten Weltkrieg als Festung des BDM galt, inhaltlich aufbereitet.
Gerade die angesprochene „Vacanz“, sie fand 1995 das erste Mal im Bregenzer Wald statt, ermöglichte Peter Raneburger den intensiven Kontakt zu Künstlergrößen wie Oswald Wiener, Dieter Roth, Valie Export, Gottfried Bechtold oder Franzobel. Dem Treffen folgen Zeiten des produktiven Austausches und der geistigen Bereicherung. Die Vorbildwirkung der etablierten Kunstschaffenden liegt für Peter Raneburger in deren steten Bereitschaft, sich geistig über die Grenzen hinaus bewegen zu wollen.
Als durchaus nachahmenswertes Lebensprinzip versteht Raneburger Dieter Roths Lebensmotto, nämlich „wenn ich merke, dass ich etwas kann, wechsle ich zum nächsten…“^8
Kunst im öffentlichen Raum
1998 errang Peter Raneburger gemeinsam mit Gundolf Leitner für das eingereichte raumgreifende Lichtobjekt „NENIO“ den ersten Preis und damit einhergehend die Ausführung beim überregional ausgeschriebenen Kunstprojekt der Gewerbeoberschule in Bruneck. Andreas Hapkemeyer, einer der Juroren, begründet die Entscheidung u. a. im Begleittext: „Kunst am Bau soll im Idealfall keine Verzierung darstellen, sondern sich in die Architektur integrieren, Bestandteil von ihr werden. Das Lichtprojekt von Raneburger und Leitner bestätigt dies auf eindrucksvolle Weise.“9 Im Konkreten durchzieht ein blauer langgezogener Glaskubus das Raumsystem der Schule und vermittelt durch seine wasseroberflächengleiche Transzendenz den Eindruck einer fluiden Lichtbahn.
Mit der großformatigen Arbeit „neutral face“, die als adaptives Verbindungsstück zweier Wohneinheiten zu verstehen ist, verwirklichte Raneburger 2000 in Lienz einen weiteren Beitrag für Kunst im öffentlichen Raum.
2002 erteilte die Marktgemeinde Matrei in Osttirol an den Kunstschaffenden den Auftrag, die Einfriedungsmauer des Jugendzentrums künstlerisch zu gestalten. Mit dem Titel „future-code“ bezieht sich Raneburger vor allem auf das junge Menschen verbindende und integrierende Konzept dieses Zentrums. Der im Siebdruckverfahren auf großformatige Aluminiumplatten dargestellte Makroausschnitt einer orangefarbenen Kunstgrasfläche, die am Rand durch einen Strichcode scheinbar geometrisiert wird, soll explizit auf die Problematik des Erwachsenwerdens hinweisen – in dem Sinn unterliegt schließlich jedes Chaos seiner natürlichen Regelmäßigkeit.
Ein für Peter Raneburger und Gundolf Leitner besonders spannendes Projekt soll im Mai 2006 verwirklicht werden. Auftraggeber ist die ASFINAG, die das Baulos der Umfahrungsstraße von Strengen am Arlberg in einem Wettbewerb zur Gestaltung ausschrieb und der schließlich von beiden gewonnen wurde. Der Titel von Leitner und Raneburgers Arbeit, die den inneren Bereich eines Kreisverkehrs objektmäßig zu strukturieren beabsichtigt, lautet „ROTO“. Das Konzept beschreiben Peter Raneburger und Gundolf Leitner im Einreichtext subtil analytisch: „Die Fläche des Kreisel – die sich ergebende Fläche des Kreisels – sich ergebend aus Zwecken und Nutzungen – nicht selbst Grund, sondern Rest – nicht nur Rest, sondern zukünftig sogar Fläche des Nichts – anonymus.“10 Tatsächlich soll durch die Nachahmung des Rotationsvorganges mit licht- und baustoffinduzierten Mitteln das Prinzip der Entmaterialisierung gedanklich simuliert werden.
In einem Bereich der nicht mehr Straße ist, gewinnt die Masse und der Raum an Bedeutung. Eine Reduktion durch die Kreisbewegung soll zur Auflösung führen – rein mental natürlich.
Wie auch immer man Peter Raneburger begegnen will, wie man ihn sehen will, prägnant und einnehmend ist vor allem die Fähigkeit, seiner Arbeit, vom Malerischen bis zum Konzeptuellen ein rational induziertes Weltbild zu unterlegen. Die Ebene des Emotionalen wird folglich erst später begreifbar.

Anmerkungen
1 Peter Raneburger: Heiligenbilder (Deviation. Tagebuch II), Ausstellungsbuch und Werkbuch 2000, 16-07-99, Seite 26.
2 Die kursiv gehaltenen Passagen beziehen sich auf Gespräche der Autorin mit dem Künstler im Oktober und November 2005.
3 Max Müller, Wilhelm Vossenkuhl: Person, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Seite 1059-1070, München 1974, Seite 1060.
4 Peter Raneburger: Tagebuch II, 11-07-00, Seite 84.
5 Andrea Schurian: Ergibt das ein Bild?, Einleitung zu: Tagebuch I – Eine Dreierbeziehung, Ausstellungsbuch zum Thema Gruppen, 1998.
6 Peter Raneburger: Tagebuch I, 03-07-98, Seite 110.
7 Peter Raneburger: Leere füllt, in: Leere füllt / Paul Renner: voll in die Leere, 1996, einleitende Bildbeschreibung.
8 Zitat entnommen aus dem Tagebuch I, 19-06-98, Seite 77.
9 Andreas Hapkemeyer: in: Katalog zum Wettbewerb, Ein Kunstprojekt für die Gewerbeoberschule in Bruneck, 1998, Seite 8.
10 Danke an Peter Raneburger für sämtliche zur Verfügung gestellte Textbeiträge

 

2002 . TAGEBUCH III
Atelier
1996, bei den Vorbereitungen zu unserer Ausstellung `Leere füllt – voll in die Leere` erzählte mir Peter von zwei ihn faszinierenden Beobachtungen. Von Affen, die bei geringstem Stress kopulieren, Stress der etwa dadurch entsteht, dass man sie beobachtet und von Leuten, die recht archaisch und nackt auf einer Insel irgendwo im Wolga Fluss leben. Wie er auf die Affengeschichte kam und ob er sie mit den Wolgainsel- Bewohnern in Verbindung brachte, weiß ich nicht mehr. Erinnern kann ich mich aber genau, dass er die Leute auf der Wolgainsel besuchen wollte. Mein Interesse gilt nun weniger den beiden Geschichten als dem Interesse, wie Interesse an solchen Geschichten entsteht. Was sind die Bedingungen dafür?
Peter trägt Glatze. Das Atelier liegt im ehemaligen Schulhaus, erster Stock. Den Schulhausgeruch kann ich nicht ertragen. Wo immer ich zur Schule ging, der gleiche Geruch. Peter trägt eine robuste Lederjacke. Der bleierne Atelierboden wird von hellstem Tageslicht beleuchtet. Es liegt Zementstaub darauf. Die extreme Helligkeit mag daher kommen, dass in Matrei Schnee liegt. Bei Hochnebel wird das Atelierlicht zur schattenlosen Grauwand. Papierbogen, Tusche, Kreide, weiße Farbe und schwarze Stifte, Glas und Aluminium, haufenweise Eisschranktüren, ansonsten keine weiteren Farben. Das Leidener Theatrum Anatomicum in einer zeitgemäßen Studie durch Peter.
Mir fallen die Affen und die Wolgarussen ein, auch die Gugginger, die Sanatorien, Pavillons und Krankenanstalten und die Büste vom verrückten Nietzsche. Keine Erklärungversuche auf bildlicher Ebene – die Kunst vor den Kunstwissenschaftlern retten – sondern Beobachtungen von sinnlichem Empfinden. Was Peter beobachtet und beschäftigt, nehme ich anhand der Fakten, die das Atelier bestimmen wahr. So hat mein Vorstellungsbild von den `Kranken Köpfen` etwas mit den geilen Affen oder den nackten Wolgarussen zu tun, Skelettanatomische Variationen der Wahrnehmung. Wahrnehmung als eine Reise durch den schizo-geografischen Raum, eine geheime Kulturgeschichte, eine neue Vermessung des menschlichen Körpers, kopulierende Bilder.
Heute ging ich nach Aix-en-Provence, um mir das Atelier von Cézanne anzuschauen. Hier scheint der Künstler das Feld geräumt zu haben. Der Kunstwissenschaftler beherrscht es ganz und gar. Die Anordnungen der Gegenstände gleicht erkenntnistheoretischem Schrott. Aus dem Sanatorium wurde ein Wallfahrtsort der `Kentucky Fried Culture`, den Heerscharen von verblödeten Kunsttouristen überziehen. Erwartet hab ich einen Ort der Kontemplation, der Ausschweifung und des Fieberns. Ich wollte diesen Text vorantreiben, konnte mich aber nur mit der grauen Leimfarbe, dem Wandanstrich im Atelier etwas versöhnen. Lieber Peter, hier ist alles unendlich weit entfernt von einem geilen Affen!
Paul Renner 19.01.2002 (an Cézannes Geburtstag)
La Garde Freinet, Frankreich

 

2002 . TAGEBUCH III TEXT II
Nicht zufällig hat die letztjährige Ausstellung des Steirischen Herbstes mit dem Titel „Abbild“ ganz bewußt das menschliche Porträt in den Mittelpunkt eines kunsttheoretischen Diskurses gestellt. Das Porträt nicht in seiner historischen Dimension und kunsthistorischen Entwicklung begriffen, sondern als zentrales Anliegen einer aktuellen Kunstproduktion.
Nicht zuletzt durch den enormen Aufschwung, den die Fotografie in den letzten fünfzehn Jahren genommen hat und die begleitende Renaissance des Menschenbildes haben sich auch die „traditionellen“ Bildmedien Zeichnung und Malerei wieder sehr intensiv mit dem Menschen, dem Körper, der Figur beschäftigt. Anders als Anfang der achtziger Jahre, als die Wiederentdeckung der menschlichen Figur im Zuge der Malerei der „Neuen Wilden“ mit einem expressiven Befreiungsschlag verbunden war, verbindet die aktuelle Kunstproduktion ein zentrales Anliegen mit dem neu entdeckten Menschenbild: Es sind narrative bzw. ikonografische Strukturen.
Genau bei dieser Feststellung klinkt sich auch das künstlerische Werk von Peter Raneburger ein. Seine Arbeiten sind das Ergebnis eines ausgesprochen intensiven Kommunikationsprozesses. In den vielfältigen tagebuchartigen Beobachtungen und Notizen ist das Beobachtungsfeld Raneburgers neben Notizen zum Projekt weit gestreut. Es reicht von politischen, kulturellen, gesellschaftlichen Aspekten bis zu sehr persönlichen emotionalen Schilderungen seiner Befindlichkeit.
Diese Notizen gehören unmittelbar zur künstlerischen Arbeit von Peter Raneburger. Er integriert sie auch permanent in seine Publikationen, die ebenso als Werkformulierungen gelten können. Sie bilden im Grunde auch einen Schlüssel, das zu verstehen, was Sie sehen: ein höchstpersönliches künstlerisches Statement zu einer gesellschaftlichen Realität, die das Schlechte, Fanatische, Extreme, Gewaltorientierte, Terroristische, Destruktive absolut personalisiert.
Frühere Epochen fanden Allegorien und Symbole für Tugenden und Laster – die Arena-Kapelle in Padua zum Beispiel zeigt ein reiches, bildliches Programm zu den Kardinaltugenden und Todsünden. Peter Raneburger lädt dieses Konzept gegenwartsbezogen auf und reagiert trotz seines bewußten Zugriffes auf die Grafik auf eine absolut mediale Bildwelt, die schnell bereit ist, konkrete Individuen zu verbannen bzw. zu idealisieren.
Das Projekt von Peter Raneburger verfolgt ein scheinbar einfaches Konzept: Plakativ werden die „kranken köpfe“ aufgegriffen und gezeigt. Dahinter steckt jedoch ein Bemühen, das sich der Vordergründigkeit und der moralisierenden Geste sehr deutlich zu entziehen versucht.
Wie immer steht das Gesamtprojekt unter dem bereits bei anderen Projekten feststellbaren Konzept, gesellschaftliche Realität, Fiktion, Annahme und Interpretation präzise über die eigene Identität zu reflektieren und als Bild in die Gesellschaft zurückzuwerfen.
Das ist Peter Raneburger bisher sehr klar gelungen und ich wünsche ihm hierin auch weiterhin diese Entschlossenheit.
Mag. Martin Hochleitner . März 2002
Landesgalerie am Oberösterreichischem Landesmuseum, Linz

 

2000 . TAGEBUCH II
Heiligenbilder
„Ich könnte nicht leben ohne Spuren zu hinterlassen. Meine Spur ist das Bild.“ Peter Raneburger . 1999
Raneburgers Arbeiten hinterlassen Spuren im Kopf; in meinem, und in all jenen, die mit seinen Bildern konfrontiert werden.
Bilder die geprägt sind durch Intensität, Obsession und dem Wunsch etwas zu verstehen und das vielleicht Verstandene anderen mitzuteilen. Nach anfänglicher Irritation erschließt sich mir zunehmend die Komplexität seiner Bilder-, Wort- und Gedankenwelt – zeigt sich wie aktuell, brisant, emotionsgeladen und positioniert seine Arbeiten sind. All dies weist ihn für mich als „Seismographen“, als „Aufspürer“ sensibler Themen und Tabus der Gesellschaft, seiner Umwelt und Autobiographie aus. Er will nicht provozieren mit seiner Werkserie, die er „Heiligenbilder“ nennt, sondern einen Weg finden „verschneite“ Spuren menschlichen Tuns, Einzelschicksale, Kindheitstraumata und Gesellschaftsdogmen an die Oberfläche zu bringen, ohne dabei den pädagogischen Zeigefinger zu erheben.
Zu Beginn seiner künstlerischen Auseinandersetzung steht ein Anlaß, ein „An-“ und „Aufreger“, etwas, an dem er sich festmachen kann: ein Zitat, ein Foto, eine Zeitungsnotiz; ein Anlaß, der sich lohnt zu hinterfragen, der seinen Nerv trifft. Aus diesem Anlaß wird die Aufgabe zu graben, in der eigenen und der Geschichte der Menschheit. An eigene Grenzen und Abgründe zu stoßen löst einen dynamischen Prozeß aus, der vom Subjektiven zum Objektiven führen kann und damit das Individuum zum Fallbeispiel wandeln läßt.
Raneburger übermalt und verdeckt, fügt sprachliche und grafische Ergänzungen hinzu in einer Art subjektiven und spontanen Reaktion, die manchmal mehr Frage als Antwort darstellt.
Er verdichtet und verknüpft Themen gesellschaftspolitischer, religiöser und zeitkritischer Problematik um ein Bild zu zeichnen, daß in seiner Dramatik und scheinbaren Ausweglosigkeit berückt. Seine Symbolik erhebt den Anspruch kompromißlos auf die Spur zwischenmenschlicher Mißstände zu führen.
Anprangerung von Gewalt, Scheinheiligkeit, sexuelle Unterdrückung, Homosexualität und ihre Resonanzen, sowie religiöser Sonntagswahnsinn mischen sich mit seinem Alltag in einer Osttiroler Gemeinde. Alle Themen sind da, haben ihre Spuren in den Menschen hinterlassen und warten darauf, für ihn als Künstler Anlaß zu werden sie uns vor Augen zu führen.
Seine „Heiligen“ sind Außenseiter, Randexistenzen, die in aufrechter Haltung ihrem Schicksal begegnen. Sie stehen als Einzelpersonen für andere „alle“ und betreffen uns sowohl durch ihre Anonymität und Teilnahmslosigkeit als auch durch ihr offen zur Schau getragenes Leid.
KZ-Häftlinge, Asylanten und Frauen als ge- und mißbrauchte Objekte reihen sich mit Märtyrerfiguren der katholischen Kirche, dem Heiligen Bernhard oder der Heiligen Therese von Lisieux, ohne daß für mich der sprichwörtliche „Rote Faden“ verloren geht. Mühelos gelingt es das Abbild Anne Franks und die Koexistenz von Homosexualität und Erziehung in eine Assoziationsreihe zu bringen.
Politik, Kirche und Gesellschaft – alle angeblich im Dienste des Individuums stehend – treiben vielfach existenzbedrohende menschenverachtende Blüten, die Raneburger uns deutlich vor Augen führt.
„Deviation“ zu deutsch „vom Weg abgekommen“ hat Raneburger recherchiert, ist die schwer diskriminierende medizinische Bezeichnung für „genetische Homosexualität“. Ohne voyeuristischen Ansatz gilt das Interesse des Künstlers jenen, die in vielerlei Hinsicht – aus der mißbilligenden Sicht der Anderen – vom Weg Abgekommene sind und damit am Rande der Gesellschaft landen, wo Leid, Trauer und Ablehnung ihr Dasein bestimmen.
„Viation“ – „am Weg bleibend“ könnte der Tenor für Raneburgers künstlerische Arbeit sein, als Seismograph nach Spuren und Rissen menschlicher Unzulänglichkeit zu forschen und sich davon ein Bild zu machen.
Ulli Sturm

 

2000 . TAGEBUCH II TEXT II
Raneburger und seine Heiligen
Raneburger beschäftigt sich in seinen neuen Arbeiten mit gesellschaftspolitischen Vorgängen und deren Reflexion generell, sowie gesellschaftlich ortsspezifischen Komponenten und deren Reaktionen speziell.
Dazu nimmt er sich thematisch wohl Einzelpersonen, zum Beispiel in einem Tryptichon, an, bewahrt eine dezente Distanz, indem er trotz Darstellung von Eros im Sinne des konkretenspezifischen Individuums, willentlich oder gesteuert, trägt Raneburger in den Vordergrund – nicht der Kontext mit der gemeinsamen Gruppe – der gleichklingende Konsens – sondern die einzelne, herausgelöste Überzeugung aus dem NEtz der Allgemeinheit. Letztlich bleibt jeder sein eigenes Individuum, geprägt von persönlichen Trieben und Ängsten, Defiziten, Schranken durch Rasse, Geschlecht und Religion und dem daraus resultierenden Beziehungsdefizit.
Wir selbst sind die kalt-weisse Person im Vordergrund einer der Arbeiten, die als aussenstehende, distanzierte und völlig unbetroffende Figur dasteht und mit „weisser Weste“ all die anonymen Neuankömmlinge mustert – nur sich selbst folgend, ihr Ziel verfolgend, verdrängend und eigentlich selbst isolierend.
Ob homoerotische Individualerscheinung, offene explizite Gewaltdarstellung oder anonyme Selbstherrlichkeit – Raneburger setzt den Betrachter auf den elektrischen Stuhl, den dieser selbst mitkonstruiert hat und bleibt, wie Schurian schreibt, „ein hochpolitischer, hochemotionaler und auch moralischer Mitteiler“, der trotz scheinbarer Auswegslosigkeit in jedem einzelnen Keim Hoffnung spürt.
In der Überzeugung zum eigenen Sein liegt für ihn unendlich viel Hoffnung. Nur durch unser Handeln mögen wir Vorbild jenen sein, denen diese Arbeiten gewidmet sind.
Markstein

 

1998 . TAGEBUCH I
ERGIBT DAS EIN BILD?
Geld- und Anerkennungs-Preise des Bauholding Kunstforum. Hunderte eingereichte Arbeiten,anonym, für JurorInnen kein Honiglecken. Preisvergabe nach bestem Wissen, nicht nach Namen. Die Begegnung mit dem Künstler, den man auszuzeichnen entschlossen war: ein Blind Date. Soweit die kurze Vorgeschichte.
Peter Raneburgers eingereichte Arbeiten erschienen mir als spannende Materialexperimente, konzeptuell ja, keineswegs aber literarisch. Welch ein Irrtum,wie sich später herausstellen sollte (was aber der Qualität der Arbeiten keinen Abbruch tat).
Peter Raneburgers Kunst ist immer: Parteinahme.
Hochpolitischer (politisierender), hochemotionaler (emotionalisierender) und auch moralischer (moralisierender) Inhalt. Peter Raneburger ist manisch mitteilsam. Er erzählt immer, geradezu besessen. Er denkt und schreibt auf, was ihm durch den Kopf geht. Jederzeit. Kindsein und Kindhaben und Erziehung und religiöse Dogmen und nackte Frauen und mißhandelnde Erzbischöfe und Tiere und sexuelle Obsessionen und Christus und RAF und Karl Valentins Rolle im 2. Weltkrieg und Pol Pot und der Körper. Und immer wieder: der Körper. Er erzählt von alldem, in seinen surrealen Gedichten, in seinen Tagebuchaufzeichnungen, Projektbeschreibungen, Bildkonzepten, Arbeitshypothesen – niedergeschriebene Gedankenfetzen, die manchmal, aber doch ganz anders, dann ein Bild ergeben: so oder so. Raneburger schildert und bildert und schildert.
Vor diesem Frühjahr wußte ich nichts von Peter Raneburger. Er war mir ein völlig Fremder. Seit diesem Frühjahr ist er mir immer noch ein völlig Fremder, dennoch wußte ich plötzlich mehr von ihm als (vermutlich) seine engsten Freunde. Seit der Preisvergabe hat mir Peter Raneburger seine gesamten Tagebuchaufzeichnungen geschickt: gebündelte, eng beschriebene Seiten. Plötzlich, unvermittelt drang fremdes Leben in meins, drängten sich fremde Gedanken in meine.
Er bekannte Ängste, Absichten, Konzepte, Ansichten, Wut – er bekannte alles, ohne daß wir Bekannte wären. Ich wurde Peter Raneburger Vertraute, ohne vertraut mit ihm zu sein. Ich weiß, wen er bei der Bundespräsidentenwahl gewählt und daß ihn der plötzliche Tod Dieter Rots betroffen gemacht hat. Ich weiß, daß er Viktor Rogy und Otto Muehl als letzte Aktionisten schätzt und „bone machine“ von Tom Waits zum besten Album aller Zeiten erklärt. Ergibt das ein Bild? Auf alle Fälle bin ich neugierig auf seine Bilder.
Dr. Andrea Schurian, 9/98